Mit folgendem Text habe ich an dem 18. Schreibwettbewerb der Buchhandlung Wekenmann in Tübingen mitgemacht und wurde zweit Platzierte. Der Text entstand zu Corona. Das Stichwort des Wettbewerbs war „Sehnsucht“. Viel Spaß beim Lesen.
Es schleicht etwas still und heimlich durch die Straßen und gibt sich nicht zu erkennen. Du siehst es nicht kommen, weil es scheinbar kein Aufsehen erregen möchte. Etwas Unbehagliches umfasst dieses Unwesen und verbreitet eine trübe und dumpfe Stimmung. Wenn du es am wenigsten erwartest, so erhascht es dich. So packt es dich am Bein, am Kragen und dann am ganzen Leib. Reißt dich mit sich ins Übel, ins Verderben und den Tod. Es hinterlässt seine grausamen Spuren, die man wie Narben nicht übersehen kann, und doch bleibt es unsichtbar. Niemand weiß so genau, was es ist, und niemand möchte der Nächste sein. Alle haben Respekt, obwohl es selbst so respektlos ist. Es ist hinterlistig und mächtig in seiner unscheinbaren Erscheinung. Wer gibt ihm die Macht? Der Wind hat in diesen stürmischen Zeiten mit jedem von uns Flüsterpost gespielt. Ja, es sind stürmische Zeiten, neue Umstände und es ist ungewiss, wie es weitergeht. Alle haben sich in ihren Häusern verschanzt. Die Straßen sind so leer wie an einem Feiertag, an dem sowieso alle Läden geschlossen sind. Es ist so ausgerottet und leise, dass du deinen eigenen Atem hören könntest. Eine erdrückende Stille. Es hat uns heimtückisch gemacht und wir sind alle down. Wir sind im Lockdown. Die einzige Routine ist das alltägliche Wechselspiel von moon and sun. Sonnenaufgang – Dinge passieren, ohne dass wir warten. Wir warten, ohne dass etwas passiert – Sonnenuntergang. Sag mir, was hat dein Tag zu erzählen? Sag mir, wofür ver(sch)wendest du deine Zeit? Sag mir, kannst du dich noch an eine andere Zeit erinnern? Es ist so real, so surreal. Es raubt uns unsere Zeit, denn es fühlt sich so an, als wäre unsere Zeit gestoppt. Wir sind zeitlos, denn wir sind die Zeit los. Keine Freizeit in der freien Zeit. Manchen öffnet es die Augen, andere verschließen sie davor. Es spaltet die Welt und doch ist es für alle ein Stein, der uns gemeinsam vor die Füße gelegt wurde. Der uns den Weg versperrt und uns fesselt. Der uns zwanghaft vor die Bildschirme drängt und zerrt, die so praktisch sind, aber von denen wir genug haben. Wir wollen aufstehen, uns von ihnen lösen und frei sein. Wir wollen so frei sein wie das WLAN, das uns alle miteinander verbindet. Doch wie verbunden sind wir wirklich? Dein zu Hause wirkt langsam sperrig und beengend. Hörst du, wie verlockend die Vögel durch den Spalt deines Fensters zwitschern? Siehst du das klare Blau des Himmels und wie der strahlende Sonnenschein nach dir ruft?
Ich möchte auf Jagd nach Sonnenstrahlen gehen. In mir ist der Sonneninstinkt geweckt. Überall wo ich bin, da ist die Sonne auch. Ihrer warmen Aura kann und will ich mich nicht entziehen. Ich fühle mich zu ihr hingezogen. Und obwohl ich diesen Bann spüre, stehe ich immer wieder losgelöst und frei hier. Ist sie mir verfallen oder ich ihr?
Du kannst es nicht sagen, denn du sitzt vor deinem Bildschirm und bist gefangen im WLAN. Niemand kann es vor seinem Bildschirm verharmlosen. Es ist ein Rätsel, das keiner lösen kann. Es ist eine Frage, die keiner beantworten kann. Google hat zig Vorschläge, aber keiner gibt dir etwas zurück. Bis ein kleines Hoffnungslicht das Dunkel erhellt und man sagt: „Bei moon and sun, lieber mal Maske an!“ Ansteckungsgefahr produziert, aber so Risiko reduziert. Wir tun es! Wir sind wie Kleinkriminelle so maskiert und vermummt. Die Skepsis schlängelt sich an uns an den Kassen vorbei und hinterlässt einen misstrauischen Schleier. Einen ekligen Schleim der Verachtung. Doch wir sind Solidaritäter! Das ist mehr als gesund. Wir tun das für uns! Als Geste der Wertschätzung und Wert-Schützung. Wir nehmen darauf in Kauf, dass Mimik und allerhand nicht mehr erkannt wird. Unsere Worte werden undeutlicher und die Kommunikation wird vermehrt erschwert. Wir werden anonym. Wir haben keine Gesichter und keine Stimmen mehr, doch wir erheben uns trotzdem. Erst nur der große Zeh, der vorsichtig in das kalte Wasser gehalten wird. Dann mit bloßem Mutwillen und voller Wucht den ganzen Körper in das Getümmel vor der Haustür. Wir brauchen und wollen das.
Bei moon and sun, wir haben die Maske an. Wir treffen uns und unsere Augen treffen sich. Wir sehen uns und du siehst mich. Du nuschelst irgendwas, das ich nicht verstehen kann und gleichzeitig schaust du mich fragend an. Ich höre deine Worte nicht, sondern sehe nur dich. Ich sehe dir in die Augen und versuche sie zu entziffern. Sie zu entschlüsseln. Sie zu verstehen. Sie wirken klein und als würdest du sie zusammenkneifen. Hast du ‘nen schlechten Tag? Hast du Sorgen? Bist du… wütend? Ich kann es nicht benennen oder genau erkennen. Ich bin verloren in deinen Augen. Mein Herz schlägt aufgeregt… In diesem Herzrasen werde ich benommen und alles ringsherum wird verschwommen… Mir bleibt die Luft weg… Sie schnürt sich mir zu und mein Luftvolumen verringert sich. Bei moon and sun, ich habe die Maske an. Sie soll mich bestärken, aber wieso fühle ich mich plötzlich so schwach? Sie macht mich schweratmig, aber ganz dubios nicht atemlos. Die Welt hält den Atem an. Es ist ein blindes Duett, nur so scheint Atemschutz komplett.
Bei moon and sun, wir haben die Maske an. Wir haben kein Gesicht und keine Stimme mehr, doch eines bleibt – dieser Augenkontakt! Ich blicke dir ins Gesicht und sehe deine Augen. Ich schau dir in die Augen. Ich schaue dir… direkt in die Augen. Du hast ernste Augen, sie wirken streng und hart. Sie sprechen von Gesehenem. Was sie wohl erlebt haben und was sie noch erleben werden? Sie sind geprägt von Ehrgeiz und Zielstrebigkeit. Was sie wohl schon erreicht haben und noch erreichen werden? Irgendwie wirken sie in dieser souveränen Stärke verletzlich. Und je länger ich sie mir anschaue, desto vertrauter werden sie mir. Sie sind so voller Energie und bergen etwas Verspieltes. Wie bei einem Kind, das einfach nur Spaß haben möchte. Doch obwohl wir keine Kinder mehr sind, scheinen sie es nicht vergessen zu haben, dass da mal eines war und sie es immer noch in sich tragen. Zugleich strahlen sie etwas Fürsorgliches und Liebevolles aus. Sie folgen mir acht- und aufmerksam, als würden sie sich um mich kümmern wollen. Es fühlt sich so an, als könnte ich deinen Blick auf meiner Haut spüren. Sie locken mit ihrer Abenteuerlust, und wecken eine Sehnsucht in mir – denn ich sehe sie und werde süchtig nach ihnen.
Bei moon and sun, wir haben die Maske an. Ich vergesse alles um mich herum. Ich vergesse die Richtung und den Weg. Ich vergesse meine Worte und mein Vorhaben. Ich vergesse den Groll und meine Angst. Ich vergesse das Leid und die Schuld. Ich vergesse und finde mich wieder. Denn eines bleibt – dieser Augenkontakt. Dieser intensive Augenkontakt zwischen dir und mir. Dieser Blick zum Dahinschmelzen. Dieser tiefe fesselnde Blick. Augen sind so innig und ehrlich. Ich schaue dir in die Augen und sehe nicht nur ihre warme, behagliche Farbe. Sie vermitteln mir viel mehr etwas Geborgenes und ich sehe in ihnen, wer du bist. Deine Eigenschaften spiegeln sich wahrlich in deinem Blick wider. Das Sehen von ihnen ist meine aufschlussreichste Erkenntnis über dich. Dieser Augenkontakt verbindet uns face to face. Gesichter bekommen Geschichten und Geschichten bekommen Gesichter. Ansehen. Hinsehen. Deine Augen sind mein Fokus. Du schaust mich an, zur Seite, und wieder in meine Augen. Ich sehe du redest mit mir – mit deinen Augen. Flirtest du mit mir? Fokus – Deine Augen suchen meinen Blick. Sie wollen mich! Ich will sie! Und meine Augen wandern…
Bei moon and sun, du hast die Maske an. Welches Geheimnis sich wohl darunter verbirgt? Offensichtlich… kein offensichtliches… Das wäre ein Moment, in dem ich dir auf den Mund schauen würde.
Fokus: Um zu sehen, wie du mich angrinst – grinst du mich an? Fokus: Um deine vollen Lippen zu sehen… hast du volle Lippen? Fokus: Um zu sehen, wie sie sich auf und ab bewegen, während du etwas sagst. Fo-Kuss: Um zu sehen, wie du dir mit deinen Zähnen auf die Lippen beißt. Fo-Kuss: Um zu sehen, wie du sanft deine Lippen zusammenpresst, um sie zu befeuchten. Kuss… Würdest du auf meine Lippen schauen, wenn du könntest? Würdest du von ihnen probieren und sie schmecken wollen?
Doch was ein Versäumnis, es bleibt ein… Geheimnis.
Und irgendwann… trotz moon and sun… haben wir einfach keine Masken mehr an. Dürfen wir das? Ist das überhaupt in Ordnung? Das ist es! Wir haben die Macht ausgemacht wie einen Lichtschalter, den man umlegt. Wir haben es ins Bett zum Schlafen gelegt. Lang genug haben wir distanzt. 1,5 Meter füllen die Leere, und lehren uns das Fühlen. 1,5 Meter schwebe ich mit dir über dem Boden. 1,5 Meter des tanz ich mit dir. Spielerisch suchen sich unsere Hände als sie sich in einer zarten Berührung nähern. Unsere Finger schmiegen sich an wie Puzzleteile, die ihren Platz finden. Es passt als hätten sie zusammengehört. Kein Drücken, Drehen oder Verbiegen. Keine Hand hält die andere fester als sie es tut. Kein komisches Gefühl, kein Kribbeln, kein irgendwas – es ist einfach nur schön und sie fühlen sich angekommen. Ich fühle diese berührende Nähe zwischen dir und mir. Hände und Finger verweilen in einem kurzen, geborgenen Moment. Sie halten sich sacht fest bis sie sich wieder loslassen.
Bei moon and sun, ich schaue die Welt an. Es war nicht ansteckend, aber jetzt ist es das! Bei moon and sun, ich schaue dich an. Es war vermummt und verstummt… Und… bei moon and sun: Dein Lachen ist ansteckend.

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