Vor genau 10 Jahren bist du verschwunden, und ich habe angefangen, dich auf der ganzen Welt zu suchen. Meine Schuhsohlen haben Löcher. Auf dem Weg zu dir bin ich fünfhunderttausend Kilometer gelaufen, dreitausend Treppenstufen gestiegen, (auf die Schnauze) geflogen, Auto, Roller, Tuk Tuk und Fahrrad gefahren, bin mit Booten geschwommen. Nur um dich zu finden. Über den Wolken, und im Ozean. Auf den Straßen, in der Musik im Radio, im Wind, der leise durch die Blätter rauscht, und im Leuchten der Sonne, des Mondes und der Sterne.
Es war viel einfacher als gedacht, denn du hast Spuren hinterlassen. Du warst ein Jäger von Schnappschüssen: Bilder von Statuen und Steine an den Wänden. Ein riesiger Atlas mit Hinweisen wie auf einer Schatzkarte. Ein Buch über deine Lieblingsstadt. Und weißt du jetzt, nach so langer Zeit, habe ich mich endlich auch getraut auf die Jagd zu gehen. Wie du: Der Finger auf der Landkarte ist kein Traum mehr. Er ist Erlebtes und Erfahrenes. Er ist Erinnerung geworden.
Ich habe Sonnenaufgänge gesammelt. Habe die Stille der Wüste gehört. Der strömende Platzregen hat meine Klamotten durchnässt. Ich hatte Sand in meinen Haaren, in meinem Gesicht und zwischen meiner Pofalte. Die schwüle Hitze hat an mir geklebt. Ich habe das Salz des Meeres geschmeckt. Ich habe meine Hüften geschwungen und lauthals zu Liedern gesungen. Ich habe süße Küsse auf meinen Lippen geschmeckt und habe noch süßere Zungen geleckt. Ich bin im Wasser geschwebt, und habe weiche Haut vom Schlamm bekommen. Habe auf chinesisch gelernt, „Danke“ zu sagen. Habe den Gebetsgesang der Moscheen als wunderschön empfunden. Bin von meinem deutschen Akzent in jeder Sprache verfolgt worden. Habe darüber nachgedacht, wie viele unzählige Menschen wohl sterben mussten, nur um ein architektonisches Weltwunder zu errichten. Habe veganes Sushi mit blauen Pilzen gesehen. Ich habe mich über so viel Müll aufgeregt und dann daraus einfach Kunst gemacht. Ich habe mir meine Haare geschnitten. Ich wurde von etwas, das weder schön, noch hässlich, nicht gut, nicht schlecht, sondern nur „the pure heart“ ist, inspiriert. Ich vermisse Menschen, die ich im Grunde genommen nur einen Wimpernschlag kenne. Habe keine Kühlschrankmagneten, aber dafür das Dazwischen wie Mosaiksteine für mein Herz gesammelt.
Ich habe über die Liebe philosophiert. Das U-Bahnsystem von Tokyo ist wie die Liebe: Am Anfang weißt du nicht so Recht wohin, aber wenn du nur genug Acht gibst und den Wegweisern und Zeichen folgst, merkst du, dass alles ganz klein ausgeschildert ist und kommst letztendlich immer am richtigen Ziel an. Und auch Paragliding ist wie Liebe. Erst aufregend, du bist nervös und hast Angst vor dem Sprung in die Tiefe. Und dann wagst du ein paar Schritte und hebst auch schon ab. Kein Fall, ein schwebendes Sitzen. Entspannt und gemütlich mit einem umwerfenden Ausblick auf alles, was um einen herum geschieht. Ein Gehalten-sein vom Schirm. So muss sich Liebe anfühlen.
Ich habe die Reise überlebt. Tage, an denen alles etwas grauer war als an anderen, obwohl die Sonne geschienen hat. Tage, an denen niemand da war außer ich. Ich war an den Grenzen meiner eigenen bitter-süßen Naivität. Ich war ver-zweifelt und habe ge-zweifelt. An meinem Vertrauen zu Menschen. Und auch wenn ich nie aufgeben möchte an die Menschlichkeit zu glauben, habe ich die Welt zu spüren bekommen: Die Armut, die Übergriffigkeit gegenüber Frauen, Scam von Menschen, die andere Menschen nur als Geschäft betrachten. Ich habe viel geweint. Ich habe mich in einem Bett verkrochen, das nicht mir gehörte und in dem ich keine Ruhe fand. Ich habe manchmal mit niemandem gesprochen. Es ist verrückt. Ich habe viel zu viel Geld ausgegeben für etwas Unbezahlbares.
Es ist egal, warum wir etwas tun, was uns antreibt, und wann wir es tun. Denn alles, was wir tun, tun wir auf irgendeine Art und Weise für uns selbst. Und, ob du es glaubst oder nicht, aber das alles passt in nur einen Rucksack.

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