Ich liebe es zu reisen. Mich in eine andere Kultur zu werfen und zu schauen, was da so geht. Ein nicer Beat für meine Hüften, ein freshes Kleidungsstück, der Klang einer unbekannten Sprache, leckeres Essen, das mich neugierig macht, und der Umgang von den Einheimischen mit Fremden. Ich befinde mich zwischen voller Herzlichkeit und einem Schleier von „Die hat Geld“, den ich mit mir herumtrage. Hier sitze ich unter der Sonne Bakotehs in Gambia und frage mich: Wo stehe ich zwischen kultureller Aneignung und kulturellem Austausch?
Ich sag’s dir, mein Kopf platz vor Gedanken und Fragen. Seitdem ich hier angekommen bin, tanzen sie in meinem Kopf und ploppen nacheinander auf. Ich bewege mich zwischen dem Kolonialismus und der Vergangenheit hin und her. Zwischen dem, was da mal war, und jetzt immer noch da ist. Zwischen einem „Ich finde dich sau cool, und ich will dich kennenlernen.“ und einem „Ich habe Angst dabei etwas falsch zu machen, und ich will dich nicht respektlos behandeln.“ Zwischen ich werde als Weiß gelesen und andere nicht. Und was bedeutet das eigentlich in dem Zusammenhang, den ich erlebe, erfahre und, in dem ich mich aktuell befinde?
In dem Zuge bin ich über den Begriff der „Kulturellen Aneignung“ gestolpert. Mache ich das? Und wie kann ich mich dazu abgrenzen? Wie kann ich sensibel mit dir umgehen? Und meine Antwort ist: Ehrliches Interesse und Neugier.
Sich Dinge einfach zu nehmen, ohne danach zu fragen? Da sind wir uns wohl einig, dass das keinem Menschen gefällt. Wir würden das wahrscheinlich unter „Du Klauer“ und vielleicht sogar „Du Arschloch“ abstempeln. Außerdem kennst du so ja auch gar nicht den Wert dieser Sache. Vor allem nicht den emotionalen Wert. Die Geschichte dieser Sache. Das, was dahinter steckt. Und sag mir, wie behandelt man Dinge, deren Sinn man nicht kennt und vielleicht sogar genau deswegen nicht zu würdigen weiß? Selbst wenn du diese Sache, den Style oder den Vibe „cool“ findest. Denn genau das ist das Ding: Gerade weil wir eine bestimmte Sache vielleicht nur als einen Trend betrachten, können wir sie nicht wirklich sehen.
Das bedeutet, du kannst sie erstens nicht wahrhaftig verstehen, zweitens gibst du ihr deswegen wahrscheinlich nicht die Wertschätzung, die sie verdient und drittens, sie gehört dir nicht, nur weil du sie hast. Kulturelle Aneignung ist eine rücksichtslose Übernahme, vor allem auf eine Kultur bezogen, die historisch unterdrückt oder marginalisiert wurde. Es geschieht meist durch Angehörige einer dominanten oder privilegierten Gruppe. Oft profitieren dann nur diejenigen, die aneignen, während die Ursprungsgruppe weiterhin diskriminiert wird oder unsichtbar bleibt.
Weißt du, ich kann es nicht leugnen. Ich liebe Mode, Musik und tralala. Und wenn mir etwas gefällt, möchte ich irgendwie, dass ich Teil davon sein darf. Dass es Teil meines Lebens wird. Ich möchte mir diese Offenheit erlauben dürfen. Gleichzeitig frage ich mich, ob ich zum Beispiel jedes Lied hinterfragen muss oder nach dem Hintergrund recherchieren muss. Ich muss ehrlich sagen, dass mir das den Flow des Lebens rausnehmen würde und das auch kein natürlicher Vorgang für mich wäre. Es gibt so viele Dinge, von denen ich nichts weiß. Mich mit allem möglichen zu beschäftigen und darüber nachzudenken. Ich glaube, das würde meine aufrechte Haltung in eine verbogene Seitenlage kippen. Meine Wirbelsäule wäre nicht mehr S- sondern U-förmig, weil mein Kopf auf dem Boden hängen würde vor lauter lauter Gedanken. Das bedeutet aber nicht, dass ich ignorant bin. Vielleicht ist es einfach nur ein weiterer Hinweis dafür, dass ich in einer Welt lebe, die sich das nicht fragen muss. Ich möchte aber auf jeden Fall offen sein, wenn Kontext auftaucht, zuhören, wenn Kritik kommt, und Credits geben.
Ja. Ich zähle mich zu einer privilegierten Gruppe. Nein. Ich will nicht, dass andere deswegen unsichtbar bleiben oder diskriminiert werden. Ich will, dass wir unsere Art des Lebens miteinander teilen, uns austauschen voneinander lernen, uns kennenlernen, und auch die Herkunft sowie Bedeutung des anderen anerkennen. Denn vielleicht leben du und ich in anderen Welten, aber dennoch auf der gleichen Welt. Ich möchte dir dabei am liebsten in die Augen schauen, denn ich interessiere mich wirklich für dich und will wissen, wer du bist und, was dich ausmacht. Bedauerlicherweise reicht meine gute Haltung nicht immer aus, denn es braucht sicherlich auch strukturelle Veränderungen, die größer sind als ich.
Zwischen diesen ganzen Knoten in meinem Kopf habe ich jedenfalls noch einen klaren, festen Gedanken, der irgendetwas in mir entwirrt:
Die Kunst kann eine zentrale Rolle im kulturellen Austausch spielen. Denn sie hilft sprachliche und soziale Grenzen zu überwinden. Egal wo. Ob in Musik, Tanz, Malerei, Literatur oder Film. Künstlerische Ausdrucksformen ermöglichen es uns, Erfahrungen, Geschichten und Perspektiven zu teilen, ohne dass dafür immer ein gemeinsamer sprachlicher oder kultureller Hintergrund nötig ist. Sie öffnet Türen und kann Menschen für andere Lebensrealitäten sensibilisieren. Dadurch kann Raum für Dialog entstehen, in dem Kulturen einander begegnen und sich gegenseitig beeinflussen.
Künstler:innen können kulturelle Elemente bewusst einordnen, Kontexte sichtbar machen und auf Machtverhältnisse aufmerksam machen. So kann Kunst dazu beitragen, kulturellen Austausch zu vereinfachen und zu vertiefen. Natürlich vorausgesetzt, sie geschieht reflektiert, transparent und mit Respekt gegenüber den Ursprüngen der verwendeten Ausdrucksformen. Und ist das nicht genial?
Der Unterschied zwischen Aneignung und Austausch liegt also weniger im „Was tun wir da eigentlich?“ als im „Wie und warum tun wir es?“. Geht es um Respekt, Anerkennung und gegenseitiges Lernen oder um Konsum, Trendnutzung und (unbewusste) Machtungleichgewichte? Eine bewusste Auseinandersetzung mit diesen Fragen hilft dabei, kulturelle Vielfalt nicht auszubeuten, sondern wertschätzend zu leben.
PS: Ich werde mich in einem meiner kommenden Beiträgen zu den Strukturen dahinter schlau machen und mich mehr damit befassen.

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