Wenn du ein Mäppchen voller Farben vor dir stehen hättest, nach welcher Farbe würdest du greifen, wenn du „Hautfarbe“ hörst? In der Kunst drücken Farbe unter anderem auch Identität aus. Vielleicht ist es kein Zufall, dass der Stift „Hautfarbe“ lange nur eine Richtung kannte. Vielleicht beginnt Bewusstsein genau dort, wo wir anfangen, Farbtöne zu mischen.
Kennst du den Begriff „Critical Whiteness“? Bei den ganzen Dingen, die es auf der Welt gibt und eine Benennung finden, gerade weil es sie im Unscheinbaren gibt, gibt es also auch dieses Ding: Critical Whiteness. Eine kritische Weißheit. Nicht zu verwechseln mit der Weisheit, in der es darum geht, dass wir durch Lebenserfahrung an innerer Reife gewinnen.
Weißt du, besonders hier in Bakoteh werde ich immer wieder damit konfrontiert. Meiner Hautfarbe. „Toubab. Toubab.“ So rennen die Kinder auf den Straßen auf dich zu, oder winken dir aus der Ferne, weil sie sehen, dass du nicht wie sie bist. Auch Erwachsene auf Einkaufsmärkten rufen es dir hinterher oder sprechen dich so an, sodass du bei ihnen anhältst, um dir etwas zu kaufen. „Toubab“ ist Wolof und bedeutet so viel wie „Weiße Person“. Und da ist es. Ein entblößendes Gefühl. Ich werde auf die Hautfarbe reduziert. Es irritiert mich und ich will am liebsten Weghören. Zugleich drückt es diese offensichtliche Ungleichheit in einem Wort aus. Es ist mir teilweise unangenehm weiß zu sein. Nicht nur weil ich anscheinend weiß bin, sondern auch weil ich im Alltag merke, wie groß die Unterschiede zwischen dieser Welt hier und meiner Welt sind. Immer wieder werde ich in die Vergangenheit zurück geworfen und ich frage mich: Was war damals nur mit der Menschheit los?
Critical Whiteness beschäftigt sich nicht damit, Schuldige zu suchen, sondern damit, Weiß-sein als gesellschaftliche Norm sichtbar zu machen. Weiß-sein wird oft nicht als Identität wahrgenommen, sondern als Selbstverständlichkeit. Als Maßstab, den wir unbewusst als Standard übernommen haben, von dem alle anderen Hautfarben abweichen. Diese Position ist so tief in Einrichtungen, Kultur und Alltag verankert, dass sie von weißen Menschen oft nicht als eigene ethnische Identität wahrgenommen wird, sondern als „normal“ gilt. Und genau darin liegt Macht. Sich nicht ständig erklären zu müssen, die eigene Perspektive nicht zu hinterfragen und, wenn die eigene Kultur nicht exotisiert wird. Das ist kein Zufall, sondern ein Privileg.
Damals wie heute. In diesem Zusammenhang gibt es den Postkolonialismus, der sich mit dem „Was geschah danach?“ befasst. Er geht hier noch einen Schritt weiter und fragt: „Wie wirken koloniale Machtverhältnisse bis heute nach?“ In Bildern, in Sprache, in wirtschaftlichen Strukturen, in Reisemustern und in globalen Ungleichheiten. Denn die Vergangenheit ist nicht vorbei. Sie prägt und strukturiert immer unsere Gegenwart. Auf Reisen heißt das, ich bewege mich stetig in Räumen, die historisch geprägt sind von Ausbeutung, von Hierarchien und von Zuschreibungen. Das merke ich hier in Gambia stärker denn je und es gibt mir ein Gefühl innerer Zerrissenheit. Ich spüre eine große Traurigkeit und eine Ohnmacht. Ich sehe nur Ausschnitte und kenne nicht ihre ganze Geschichte: Da sind Kinder von vielleicht sechs Jahren, die ihre Geschwisterkinder von ein paar Monaten mit einem Tuch auf dem Rücken tragen oder, die ihre Hüfte ins unermessliche krumm verbiegen, weil das Baby auf ihrem Arm viel zu schwer ist für ihren zierlichen Körper. Ich frage ein vielleicht elf-jähriges Kind, ob es mir zeigen kann, wie etwas geschrieben wird, um dann peinlich berührt festzustellen, dass es mir versucht Buchstaben aufzuschreiben, und es wirkt so, als könne es nicht schreiben. Da ist so viel Demut und dieses Gefühl in mir, dass meine Taten nur ein Tropfen auf einem heißen Stein sind. Ich kann die Umstände nicht allein umwälzen und verändern. Ich kann nur hier sein und „mein Bestes geben“.
Mein Bestes. Wurde danach hier überhaupt gefragt? Ich frage mich oft, warum bin ich eigentlich hierher gekommen. Warum wollte ich ausgerechnet in Gambia mit Kindern arbeiten? Habe ich ein Helfer:innensyndrom? Ein „White Savior Complex“? Dieses Phänomen beschreibt ein übermäßiges Bedürfnis, anderen zu helfen. Weiße gehen dabei oft von der Annahme aus, dass sie über besseres Wissen, Ressourcen und Lösungen verfügen. Ein weiterer Ausdruck weißer Privilegien, der ein erhabeneres Selbstbild stärkt und rassistische Stereotype reproduziert. Menschen, die nicht weiß sind, werden als hilfsbedürftige Opfer dargestellt. Während die tatsächlichen Bedürfnisse, eine nachhaltige Unterstützung oder die Förderung der eigenen Selbstständigkeit der betroffenen Menschen zu kurz kommt. Auch diese Haltung hat historische Wurzeln im Kolonialismus, in dem die weiße Bevölkerung sich als überlegen betrachtete und glaubte, dass nur sie für Zivilisierung sorgen könnte. Und auch hier steigt mir die nächste Frage in den Kopf, wo ich davon Anteile in mir trage.
Wo setze ich hier für mich eine Grenze? Wo ist der Anfang und wo das Ende? Ich arbeite allgemein gerne mit Kindern, und habe auch schon Projekte in Deutschland für sie mit Kunst umgesetzt. Ich male, reise und lerne gerne neue Kulturen kennen. Dabei kann ich eine Kultur als Inspiration erleben, während Menschen aus dieser Kultur mit Diskriminierung konfrontiert sind. Unsere Begegnungen finden nicht auf einem leeren Blatt Papier statt. Das Bild ist bereits bekritzelt, es sind Flecken drauf, auf der Rückseite gibt es einen Vordruck und die eine Ecke ist sogar bereits weggerissen. Die Kinder hier arbeiten mit dem beschmierten Blatt, das da ist. Sie malen damit.
Critical Whiteness fordert deshalb Bewusstheit über unser Weiß-sein und die damit einhergehenden Privilegien und Sinnzusammenhänge. Es bedeutet sich nicht aus einem Austausch zurückzuziehen, sondern darüber zu reflektieren, aus welcher Position heraus wir das eigentlich machen. Wer wird gesehen? Wer bleibt unsichtbar? Und wer kann es sich leisten, sich diese Fragen überhaupt nicht stellen zu müssen? Auch nicht alle auf der Welt haben dieselben Möglichkeiten selbst reisen zu können. Ich habe mich gefragt, warum ich hier bin und genau das ist ein Teil meiner Antwort: dass ich die Möglichkeit habe zu kommen und dass ich diese Erfahrung nicht nur für mich behalten möchte. Dass ich dich gedanklich mitnehmen will. Nicht um dir zu erklären, wie die Welt funktioniert. Das weiß ich gar nicht. Sondern um einfach nur schlichtweg meine Fragen zu teilen. Ich möchte die Dinge mit dir, mit blinzelnden halb aufgeschlossenen Augen, betrachten. So als würden wir gerade gemeinsam im Gras unter einem Baum liegen. Das Licht der Sonne strahlt durch die Blätter, blendet uns und macht uns damit auf den bitter-süßen Geschmack des Lebens aufmerksam. Wir beide können das genau so machen. Es geht also um dich, die:der hier und jetzt, diesen Text liest. Die:den ich in meine Gedanken einweihe und dir leise ein offenes Geheimnis ins Ohr flüstern darf. Sodass vielleicht sogar du dir ein paar eigene Fragen stellen kannst, für die du auf die Schnelle keine Antwort hast. Aber die auf jeden Fall irgendwo auf dieser Welt da sind. Tag für Tag.
Und an der Stelle helfen mir immer wieder die sanften Augen der Kunst, denn auch hier entsteht kein Bild neutral. Jede Linie ist geprägt von Erfahrung, Biografie, Kultur und einem Körper. Von deinem Blick, deiner Farbauswahl und deinem Impuls. Das alles ist geprägt von meiner Hautfarbe, wie ich aufgewachsen bzw. erzogen bin und, was ich mit meiner Freiheit machen kann. Und wahrscheinlich und ganz sicher ist mein Weiß-sein nicht nur irgendein Kontext, sondern ganz klar auch ein Thema. Und ich darf es ansehen, wie ein Bild, das ich nicht sofort verstehe. Hier in Bakoteh geht es nicht darum, Strukturen zu verändern, sondern Momente zu schaffen, in denen ein Kind sich selbst erlebt, und zwar als handelnd, als gestaltend und insbesondere als selbstwirksam. Und vielleicht darf ich in diesen Momenten einfach nur dabei sein. Solche Momente können sicherlich keine Systeme verändern, aber vielleicht verändern sie ein Erleben, aus dem irgendwas zurückbleibt. Und das Bild von einem anderen gehört sowieso nie mir und es geht ebenso nicht darum, etwas zu reparieren. Es geht darum, einen Ausdruck zu ermöglichen. Ich kann nur daneben sitzen, das Material reichen, gemeinsam aushalten und einfach nur sein. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Helfen wollen und schlichtem Begleiten. Kunst kann dabei einen Raum für die Kinder hier öffnen, in dem sie ihr eigenes Bild erzählen dürfen. In der Kunst trägt jedes Bild seine eigene Wahrheit. Vielleicht gilt das auch für Begegnungen. Ich komme nicht, um ein neues Blatt auszuteilen. Ich komme, um mit anzusehen, was bereits da ist. Und vielleicht ist genau das Verantwortung: nicht zu übermalen, sondern wahrzunehmen.
Und das ist es: Wir können nichts dafür, was einst war, aber wir können heute irgendwo einen Teil zu unserer Verantwortung beitragen. Wenn wir es wollen. Verantwortung könnte dort beginnen, wo wir bereit sind, zuzuhören, zu lernen, uns korrigieren zu lassen und anzuerkennen, dass kultureller Austausch nur dann wirklich gegenseitig ist, wenn Machtverhältnisse mitgedacht werden.
Und vielleicht macht genau das den Unterschied: Der Mut, sich der eigenen Position bewusst zu werden.

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