In einem fremden Land zu sein bedeutet mehr, als nur an einem anderen Ort zu sein. Es bedeutet, in etwas Bestehendes einzutreten: in eine Kultur, eine Sprache, eine Geschichte und vor allem in ein System, das lange vor mir existiert hat. Hier bin ich Reisende und vor allem bin ich Gästin. Aber wie mache ich das „gut“? Das ist eine ganz andere Frage.
Letzt habe ich eine Frau gefragt, ob ich ein Foto von ihr machen kann. Sie lief mir entgegen, trug eine gefüllte Schale Obst auf ihrem Kopf und ich fand es faszinierend, dass er ihr im Gehen nicht vom Kopf rutschte. Ich weiß nicht, ob es das besser macht, aber es hätte jede sein können. Ich wollte die Handlung fotografieren. Und trotzdem war es nicht nur eine Handlung. Es war ihr Alltag. Sie verneinte und mich durchzog direkt ein Gefühl von Scham. In diesem Moment kam ich mir vor, wie jemand die zum Gaffen und Glotzen hier wäre. Augenblicklich schießt es mir in die Gedanken, dass sie sicherlich von anderen Reisenden zu Genüge als Attraktion gesehen wird und, wie nervig das sein muss nach Fotos gefragt zu werden. Ich schäme mich, weil ich das Gefühl habe, so zu sein, obwohl ich in meinen Augen einfach nur neugierig bin. Neugierig auf alles, was anders ist, als ich es kenne. Es erinnerte mich später an diverse Situationen als ich in Indien war. Viele Einheimische sind auf mich zugekommen und wollten aufgrund meiner Hautfarbe Selfies mit mir machen. Ich habe es damals ebenso verneint, weil ich es abstrus fand, dass random Leute von mir ein Bild machen wollten. Vielleicht dachte sich die Frau etwas Ähnliches in diesem Moment. Sie war keine Sehenswürdigkeit. Sie war ein Mensch, dessen „Nein“ ich respektierte.
Gedanklich entsteht immer wieder ein Kuddelmuddel in mir, das ich in meinem Kopf versuche zu greifen und zu entwirren. Es sind Gedanken, die ich seltenst so laut höre wie hier. Gambia macht mich immer wieder wach. Immer wieder werden mir Privilegien klar, die ich in Deutschland für selbstverständlich halte. Überhaupt hier zu sein und die Wahl zu haben, wieder zu gehen, ist ein so krass großes Privileg. Mein Reisepass öffnet mir Türen, die anderen verschlossen bleiben. Außerdem habe ich in Deutschland mein eigenes Zimmer, mein eigenes Bett und meinen eigenen Teller. Ich habe Privatsphäre.
Ich möchte mir selbst klar machen: Meine Hautfarbe ist mit einer Geschichte aufgeladen, die von Kolonialismus und Ausbeutung geprägt ist. Auch wenn ich persönlich dafür nichts kann, bin ich immer wieder Teil von Ungleichheit und trage diese Wahrnehmung mit mir herum. Selbst das Gefühl von Demut, das ich hier öfter verspüre, ist ein Privileg. Zum Beispiel als ich einen Jungen frage, ob er mir einen Begriff aufschreiben kann. Er beginnt Buchstaben auf einen Zettel zu schreiben und es wirkt auf mich so, als wüsste er nicht, wie er die Buchstaben richtig anordnen soll. Ich bin verunsichert und peinlich berührt, weil ich es für selbstverständlich halte, dass er zur Schule gehen würde, ohne es wirklich zu wissen. Ich frage vor Überforderung aber auch nicht nach. In solchen Momenten würde ich am liebsten losheulen, weil es mich so mitnimmt, doch irgendwie wäre damit nicht wirklich jemandem geholfen außer mir selbst.
Das Umfeld, das ich in Gambia kennenlerne, wirkt auf mich wie eine Kultur des Teilens. An manchen Stellen vielleicht, weil es keine andere Möglichkeit oder keinen Platz gibt und an anderen Punkten vielleicht genau deswegen, weil es gewollt ist zu teilen. In einem Gespräch mit Hannah, Anna, Marleen und Milja bekomme ich mit, dass es für sie irritierend ist, wenn Menschen, die materiell weniger haben, großzügig sind und zum Beispiel ihr Essen mit uns teilen. Wenn sie teilen, obwohl sie weniger besitzen. Ich kann es nachvollziehen. Es ist gekoppelt mit den Zweifeln, ob irgendwelche Hintergedanken daran geknüpft sind. Dieses Teilen kann beschämen, berühren und natürlich auch dankbar machen. Zeitgleich ist niemand von den Einheimischen verpflichtet, freundlich zu uns zu sein, nur weil wir zu Besuch sind. Meine Anwesenheit allein ist kein Verdienst. Das zeigt es auch deutlich, als Marleen plötzlich der Mittelfinger gezeigt wird, als wir an ein paar Kindern auf der staubigen Straße vorbeifahren, wo wir sonst fast schon bejubelt dafür werden, nur dafür dass wir die Straße entlang laufen.
Die Kunst kann mir dabei helfen, eine gute Gästin in einem fremden Land zu sein, weil sie mir nicht nur hilft meine eigenen Perspektiven zu ordnen, sondern auch weil sie mir einen Zugang zu den Gefühlen, Geschichten und Werten der Menschen vor Ort eröffnet. Durch sie kann ich besser verstehen, was Menschen bewegt, ohne sofort alles sprachlich erklären zu müssen. Kunst lädt mich ein, zuzuhören, hinzusehen und neugierig zu bleiben. Sie erinnert mich daran, respektvoll zu sein und Unterschiede nicht als Abstand, sondern als Bereicherung zu sehen. So kann ich mit mehr Empathie, Offenheit und Wertschätzung einer neuen Kultur begegnen. Und das finde ich ziemlich hilfreich und schön. Sich immer wieder daran zu erinnern und darüber nachzudenken, wie ich heute handle, ist manchmal nämlich so ein Brainfuck und dann habe ich das Gefühl, dass dieses ständige Reflektieren mich nach einer gewissen Zeit auch einfach nur verrückt macht. Ich denke meine einzige Lösung diesem endlosen Gedankenwirrwarr zu begegnen, ist zum einen die Kunst, und zum anderen mich darauf zurück zu besinnen, dass wir im Kern alle Menschen sind. Ich möchte einfach nur „menschlich“ sein und so handeln dürfen. Das heißt auch Fehler machen zu dürfen. Und ich selbst möchte der Maßstab für mein Handeln sein: Wie wünsche ich es mir, sein zu dürfen und von dir behandelt zu werden? So werde ich versuchen mit dir umzugehen. So werde ich versuchen als Gästin zu sein.
Für mich macht es keinen Sinn irgendwo anders anzusetzen, als bei mir. Denn nur ich allein bin der Anfang, um Dinge (in meinem Leben, meinem Umfeld, meinem Handlungsspielraum) zu verändern. Eine Veränderung kann bei meiner Perspektive auf die Dinge beginnen und, wie ich mich mit ihnen auseinandersetze.
Aktuell versuche ich meine Anwesenheit als Teil größerer globaler Zusammenhänge zu verstehen und noch, weiß ich selbst nicht genau, was das bedeutet. Nenn mich naiv, ich möchte aber Freundlichkeit stetig als etwas Schönes und als Geschenk annehmen, wenn sie mir mit einem Lächeln und offenen Armen entgegengestreckt wird. Und im Herzstück beginnt ein respektvolles Miteinander vielleicht genau hier. Was meinst du?

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