Mensch zu sein ist kein Weg, der nur geradeaus verläuft. Es ist nicht nur ein Satz. Es ist mehr wie ganz viele Nebensätze, die sich aber auch immer wieder selbst unterbrechen. Mensch zu sein ist eine Bewegung, die gleichzeitig in zwei Richtungen geht. Wir wollen frei sein und dazugehören. Gesehen werden und in Ruhe gelassen werden. Moralisch handeln und trotzdem geliebt werden, auch wenn wir es mal nicht richtig tun. Wir können großzügig sein und dennoch auf irgendeine Art und Weise Anerkennung dafür verlangen wollen. Wir können kritisch auf Strukturen blicken und trotzdem von ihnen profitieren. Wir können das Richtige wollen und es gleichzeitig nicht immer schaffen, es umzusetzen. Die Ambivalenz reißt mich zwischen zwei Dingen hin und her und ich kann nur schwer entscheiden, wie ich mich dazu fühlen soll.
Kennst du das: Gleichzeitig Liebe und Ärger oder Hoffnung und Angst gegenüber einer Person oder Situation zu empfinden? Dieses Hin und Her auszuhalten, inkludiert ein Bewusstsein darum. Nur wer wahrnimmt, dass mehrere Wahrheiten gleichzeitig existieren, spürt diese innere Spannung dazu.
Genau fängt mich Kunst irgendwo auf. Mensch zu sein ist ein Prozess, bei dem die Kunst uns zeigen kann, Ambivalenz auszuhalten, weil sie einen Raum eröffnet, in dem Widersprüche nebeneinander bestehen dürfen, ohne sofort aufgelöst zu werden. Der kreative Prozess kann zu einem Modell für den Umgang mit inneren Konflikten werden. Statt eine eindeutige Lösung hervorzubringen, entsteht die Fähigkeit, Spannungen zu halten und als Teil der eigenen Erfahrung zu integrieren. So können wir innerlich lernen, dass widersprüchliche Gefühle und Bedeutungen okay sind und es kann helfen, auch im eigenen Leben komplexe emotionale Zustände besser zu verstehen. Wie das? Na, indem innere Spannungen und ambivalente Gefühle, die sich sprachlich schwer ausdrücken lassen, nebeneinander in Bildern durch Farben und Formen einen Ausdruck finden. Durch das bloße Gestalten werden diese Gefühle nach Außen getragen oder auch externalisiert. Sie liegen gewissermaßen vor der Person und können betrachtet, verändert oder ergänzt werden. Ein Bild kann gleichzeitig dunkle und helle Elemente enthalten, harte und weiche Formen, Ordnung und Chaos. Diese Koexistenz ermöglicht es, widersprüchliche innere Zustände anzuerkennen. Und ist es nicht auch so, dass die Kunst häufig mit Mehrdeutigkeit, offenen Bedeutungen und Spannungen arbeitet?
Kunst ist nicht eindeutig und kann stetig unterschiedlich interpretiert werden. Eine gewisse Vielfalt ist hier kein Problem und Teil der ästhetischen Erfahrung. Die Betrachtenden können erleben, dass mehrere Deutungen gleichzeitig gültig sein dürfen. Dadurch wird Ambivalenz nicht nur tolerierbar, sondern sogar produktiv. Denn sie eröffnet neue Bedeutungsräume, regt zum Nachdenken an und, indem Menschen vielleicht sogar selbst künstlerisch tätig werden, üben sie gewissermaßen, diese Mehrdeutigkeit zu akzeptieren. Wer malt oder schreibt, lässt sich oft von unklaren Impulsen, widersprüchlichen Emotionen oder offenen Entwicklungen leiten. Ein Werk entsteht damit Schritt für Schritt, ohne dass das Ergebnis von Anfang an feststeht. Dieser Prozess verlangt nach Verständnis für uns selbst und unser Inneres!
Das ist genau das, was ich im Leben lernen darf. Ich darf lernen, dass Ambivalenz kein Zeichen von Schwäche ist, auch wenn sie sich oft so anfühlen mag. Und seien wir mal ehrlich: Oft versuchen wir, diese Spannungen ganz schnell wieder aufzulösen. So geht es mir zumindest. Ich bin innerlich teilweise in einem totalen Chaos und komme nicht auf meine Gedanken klar, wenn ich zwischen Hü und Hott stehe. Ich sehne mich so oft nach Klarheit, Eindeutigkeit und Konsistenz. Nach einem „So bin ich eben.“ Im Alltag mache ich mir oft den Druck, Gefühle, Meinungen oder Entscheidungen eindeutig fest zu machen. Doch ich nehme immer wieder wahr, dass es ein moralisches Spektrum zwischen Richtig und Falsch gibt. Die Welt ist selten eindeutig oder sagt dir genau, was richtig oder falsch, gut oder schlecht ist. Und wir als Menschen sind auch uneindeutig. Wir stehen genau dazwischen, um nur zu erahnen, wie wir die Welt sehen und, was wir persönlich für gut oder nicht so gut halten. Mal kann das so sein, mal etwas anders, und wenn es nur eine Nuance verschieden ist.
Die Ambivalenz kratzt an dem Bedürfnis nach Klarheit und vielleicht ist es eben das. Widersprüche im Leben sind kein Fehler im System, sondern sind viel mehr ein Teil davon. Von dir und mir. Wir dürfen gemeinsam versuchen, sie zu betrachten und damit umzugehen. Vielleicht sind wir alle eher ein „So bin ich halt heute.“ Und morgen sind wir vielleicht anders. Und das ist okay. Nicht, weil wir willkürlich sind und jeden Tag einfach machen was wir wollen, sondern einfach nur, weil wir Tag für Tag lernen und dieses Lernen unsere Perspektiven verschieben und verändern kann. Wir lernen, dass zwei Dinge auf irgendeine Weise richtig sein können. Vielleicht können wir so die eigenen Widersprüche tragen, ohne uns selbst zu verlieren.
Widersprüche auszuhalten bedeutet also nicht, mich selbst instant und direkt zu verurteilen, nur weil ich zwei Gefühle gleichzeitig in mir wahrnehme. Nein, vielleicht bedeutet es, Unsicherheit Raum zu geben und alle Gedanken dazu zuzulassen. Vielleicht bedeutet es, anzuerkennen, dass deine Entwicklung selten geradlinig verläuft. Ja, Ambivalenz ist sowas von unbequem. Aber sie ist auch ein Ort, in dem Denken entstehen darf, Empathie wachsen kann und, in dem wir uns erlauben dürfen, unfertig zu sein. Und unfertig zu sein, das fühle ich tagtäglich!

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