Letzt wurde ich auf den Begriff „Virtue Signaling“ hingewiesen. Der Begriff lässt sich nicht ganz eindeutig ins Deutsche übersetzen. Sinngemäß bedeutet er „Demonstrative Zurschaustellung von Moral“. Es ist damit ein Begriff, der schnell im Raum steht, sobald jemand öffentlich Haltung zeigt. Er beschreibt das Vorwerfen, moralische Werte nicht aus echter Überzeugung zu vertreten, sondern um Anerkennung, Aufmerksamkeit oder soziale Zustimmung zu bekommen.
Weißt du, ich bin nach Gambia gereist und stelle mir seitdem viele Fragen, die ich mir in Deutschland noch nie so bewusst gestellt habe. Ich lese mich hier und da schlau, recherchiere und stoße auf irgendwelche Begriffe. Es heißt nicht, dass das Wissen, das ich teile, korrekt oder fachlich einwandfrei ist. Es ist einfach nur das, wie ich die Welt verstehen lerne. Vielleicht vereinfacht es dir den Zugang dazu oder regt dich auch kurz an, dich damit zu beschäftigen.
Jedenfalls bin ich in einem Spannungsfeld. Ich mache mir Gedanken über mein Weiß sein. War in einem Land unterwegs, das wirtschaftlich weniger privilegiert ist, und teile meine Recherchen über Kolonialgeschichte und Begriffe, die mir auf diesem Weg begegneten, die ich vorher selbst noch nicht kannte. Es rattert endlos in meinem Kopf und auf meine Gefühle komme ich auch nicht so Recht klar. Es stimmt: Ich möchte transparent machen, womit ich mich innerlich auseinandersetze während ich dort war. Und jetzt frage ich mich, mache ich das vielleicht wirklich nur, um als besonders reflektiert von dir wahrgenommen zu werden? Will ich einfach nur als eine reflektierte, geile Bitch wahrgenommen werden, die ich offensichtlich auch bin? Natürlich bewege ich mich im öffentlich Raum ebenso in Sichtbarkeit. Ich bin wahrscheinlich nicht frei von Virtue Signaling, genauso wie andere nicht frei von anderen Dingen im Leben sind, die sie nicht sehen wollen.
Entscheidend ist vielleicht weniger, ob und worüber ich spreche, sondern wie und warum ich es tue. Der Vorwurf des Virtue Signaling setzt voraus, dass ich meine Motive eindeutig trennen könnte. Das kann ich nicht. Ich bin nicht frei von dem Wunsch, von Menschen gesehen zu werden. Aber ich bin auch nicht frei von dem Wunsch, die Welt zu verstehen. Ob mit oder ohne Publikum, diese Gedanken und meine Art damit umzugehen und bestimmte Wege zu gehen, wären so oder so da. Reflexion ist in meinen Augen nichts Einfaches und erfordert Zeit, Geduld und Energie. Als jemand, die schon ziemlich oft in ihrem Leben geschwiegen hat, würde ich behaupten, dass es nicht unbedingt immer hilfreicher ist zu schweigen. Und ich habe auch gar keine Lust mehr zu schweigen. Wenn ich meine Erfahrungen teile und offenlege, dass ich Teil globaler Machtstrukturen bin, ist das mein Versuch, ehrlich zu sein.
Meine ersten Kommentare auf meinen Beitrag zu „Critical Whitness“ habe ich als „Meine ersten Hass-Kommentare“ gedeutet. Ich habe keine Zustimmung ausgelöst. Ich fand die Meinungen interessant, gleichzeitig möchte ich mich nicht weiter davor scheuen oder scheuen lassen, meine Meinung zu teilen. Ich habe einen kleinen Funken in mir, der sagt, dass ich meine Gedanken auf die unperfekte und einfache Art und Weise teilen werde, wie ich versuche die Welt zu verstehen. Auch wenn mich eine stetige Unsicherheit dabei begleitet. Ich teile meine Gedanken nicht, weil ich Antworten habe, sondern weil ich Fragen habe. Ich merke für mich: Ich möchte meine Erfahrungen teilen, um andere mitzunehmen in meine Ambivalenz. Um zu zeigen, dass Bewusstsein kein Endpunkt ist, sondern ein Prozess. Ich teile sie, weil ich glaube, dass wir diese Gespräche öfter führen sollten. Nicht als moralischen Wettbewerb, sondern als kollektives Nachdenken. Vielleicht fühlen sich andere ähnlich unsicher. Vielleicht stellen sie sich dieselben Fragen und sprechen sie nur nicht aus. Keine Ahnung, ich weiß es nicht. Natürlich frage ich mich, ob meine Worte Raum einnehmen dürfen, der mir vielleicht gar nicht zusteht oder, ob meine Selbstkritik wiederum zur Bühne wird. Das hier ist einfach nur ein Lernprozess, in welchem ich mich in einem System bewege, von dem ich profitiere, und versuche trotzdem, bewusst zu handeln. Ich weiß nicht immer, ob ich alles richtig mache. Aber ich will hinschauen. Das ist mein erster kleiner Schritt und mein Weg. Es muss nicht der Weg eines:r Anderen sein. Wenn das eine Zurschaustellung meiner Selbst sein soll, muss ich es wohl in Kauf nehmen, dass andere so über mich denken.
Aber vielleicht ist genau diese Unsicherheit gleichsam ein Zeichen. Als weiße Reisende werde ich meine innere Spannung nicht auflösen können. Ich werde nie vollständig außerhalb der Strukturen stehen, von denen ich profitiere. Ich darf mich damit beschäftigen, um zu versuchen, verantwortungsvoll damit umzugehen. Ich darf Kritik aushalten, mein Verhalten prüfen und ich kann anerkennen, dass meine Perspektive begrenzt ist. Ob meine Haltung und Gedanken Bestand haben, können wir gemeinsam herausfinden.

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