Kennst du das Gefühl „Hey du gehörst zu uns, aaber du gehörst auch nicht ganz zu uns.“ Dieses Gefühl ist irgendwie weird. In einer Welt, wo man selbst nicht so Recht weiß, wohin man genau gehört, gehört man dazu, und immer wieder wird einem von Außen auf irgendeine Weise gespiegelt, dass man aber auch doch nicht ganz dazu gehört. Sei es ein Blick, eine Geste, bestimmte Worte. Die Feinfühligkeit liegt in den kleinen Dingen dazwischen, die einen hellhörig machen.
Ich bin halb Latina. Halb deutsch. Ich bin deutsch-brasilianisch. Manchmal fühle ich mich schwäbischer als ich sein will, und doch strahle ich viel mehr Samba aus, als mein breites Lachen verstecken könnte.
„Ja, eindeutig! Du bist BIPOC, aber du kannst das alles trotzdem nicht ganz verstehen, denn du bist auch White Passing.“ An diesem Tag lerne ich Menschen kennen, die sich tiefgehend mit ihrer Kultur, Hautfarbe und der Diskriminierung dahinter auseinandersetzen. Ich sollte mich zugehörig fühlen, doch fühle mich stattdessen in eine Schublade gestopft. Und in dieser Schublade gibt es offensichtlich noch ein paar Schubladen.
Ich höre an diesem Tag zum ersten Mal die Begriffe BIPOC und White Passing. Sie klingen erst einmal wie eine Einordnung. Fast neutral. Aber als sie auf mich zielen, setzen sie etwas in mir in Bewegung, das sich alles andere als neutral anfühlt. Eher wie ein Riss. Eine Zerrissenheit zwischen Zugehörigkeit und Distanz, zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Ich fühle mich in einer richtigen Sache irgendwie falsch.
Denn plötzlich werde ich in einen Topf gesteckt. Da ist auf einmal dieses Wort: BIPOC. Und sofort steht die Frage im Raum: Was bedeutet das eigentlich? Wer ist damit gemeint? Und was hat das mit mir zu tun? BIPOC steht für „Black, Indigenous and People of Color“, also Schwarze, Indigene und Menschen of Color. Es ist eine politische Selbstbezeichnung für Menschen, die Rassismuserfahrungen machen und nicht als weiß wahrgenommen werden. Mir wird erklärt, dass es nicht einfach ein Label ist, sondern ein Begriff, mit dem sich Menschen empowern wollen. Ein Begriff für eine Erfahrung.
Und eigentlich ist genau das etwas Wertvolles! Ein Raum, der Schutz verspricht. Ein Safe Space. Ein Ort, an dem Erfahrungen nicht erklärt oder verteidigt werden müssen, weil sie geteilt oder zumindest verstanden werden. Aber genau dort kann ein neues Unbehagen entstehen. Denn obwohl ich Teil dieser Kategorie sein soll, wird mir gleichzeitig vermittelt, dass ich bestimmte Erfahrungen nicht wirklich verstehen könne, weil ich eben White Passing bin. Weil ich kein Kopftuch trage. Weil ich nicht schwarz bin. Weil Diskriminierung an einem anderen Körper, einem anderen Aussehen, einer anderen Sichtbarkeit festgemacht wird. Und weil ich gerade noch so als „weiß“ durchgehe und deswegen eben weniger Diskriminierung erfahre. „Aber warum wird das überhaupt relativiert?“, frage ich mich im Stillen.
Ich stehe also da, in diesem seltsamen Dazwischen. Nicht „weiß genug“, um einfach unscheinbar durch die Welt zu gehen. Aber anscheinend auch nicht sichtbar genug, um in diesem Raum als voll betroffen oder voll zugehörig gelesen zu werden. Das ist ein schwer greifbarer Zustand. Es ist ein Gefühl im Dazwischen. Man bekommt eine Bezeichnung, die Sicherheit und Gemeinschaft verspricht, und erlebt dann doch wieder, dass über einen bestimmt wird, wie man gelesen werden darf, was man verstanden haben kann und wie legitim die eigene Perspektive ist. Es macht einen Knoten in meinen Kopf und in meinen Bauch.
Das ist die Zerrissenheit. Zu merken, dass Identität nicht nur aus dem besteht, was man selbst fühlt oder weiß, sondern auch aus dem, was andere in einem sehen oder eben nicht sehen. Dass Zugehörigkeit nicht automatisch Geborgenheit bedeutet. Und dass selbst Räume, die Schutz bieten sollen, manchmal neue Unsicherheiten erzeugen können. Das erinnert mich an das Buch „Andorra“ von Max Frisch. Auch hier geht es um Zuschreibungen vom Außen, die fatalen Einfluss auf das Individuum haben können, weil es irgendwann selbst glaubt, was das Außen zu ihm sagt.
„Ich bin anders, ich weiß nicht wie, aber ich bin anders.“ Menschen, die in eine gesellschaftliche Rolle und eine fremde Identität gedrängt werden und die Frage nach der eigenen Identität. Die Macht von Vorurteilen und die Passivität gegenüber Ungerechtigkeiten. Und: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“
White Passing zu sein heißt nicht, keine Geschichte zu haben. Es heißt nicht, nichts von Rassismus, Fremdheit oder Zuschreibungen zu wissen. Aber es heißt oft, dass diese Erfahrungen von außen anders bewertet werden. Weniger eindeutig. Weniger sichtbar. Vielleicht auch weniger ernst genommen. Ich möchte hier niemandem etwas absprechen oder beschwichtigen, denn höchstwahrscheinlich kann ich rassistische Erfahrung von anderen nicht in derselben Weise verstehen. Ich kann nur sagen, dass ich auf der Seite stehe, der Menschen respektvoll behandeln möchte. Und das ist das, was ich im Alltag tun kann. Ich allein kann kein System verändern. Ich kann nur versuchen mich selbst zu ändern. Zu lernen, mich zu sensibilisieren und meine Augen zu öffnen, um meinen (An)Teil im System neu auszurichten, um mich darin selbst zu verorten.
Und hier reicht es für mich erst einmal, diese Widersprüchlichkeit auszuhalten und ernst zu nehmen. Zu sagen, dass es sich seltsam anfühlt. Aber das alles, ist (von Außen betrachtet) anscheinend Teil meiner Identität.
Dieses Gefühl ist vielleicht ein privilegiertes Mimimi, doch diese Zerrissenheit ist real. Und vielleicht beginnt genau dort etwas Wichtiges in dem Versuch, Worte für ein Dazwischen zu finden, das oft übersehen wird. Wir sind dem nicht ausgeliefert, sondern können uns unsere eigenen Räume schaffen und unser Umfeld bestimmen. Ich sehe darin, einen Zeigefinger, der im Allgemeinen auf die richtige Art von Kommunikation hinweist. Der auf das persönliche Erleben eines Individuums achtet. Denn dieses Gefühl von „Hier stimmt etwas nicht“, lässt sich auf so viele alltägliche Situationen übertragen. Sei es am Familientisch oder in einer partnerschaftlichen Beziehung. Ein eigenes Gefühl als Anker zum Verstehen des Anderen zu nehmen. An dieser Stelle möchte ich zum Abschluss noch den Film „Die Jury“ (1996) empfehlen.
Das ist mein feiner Appell Menschen so kennenzulernen und sein zu lassen, wie sie sind. Einfach nur darüber zu reden, wer du bist und wer wir sind. Ohne uns festzuschreiben oder uns gegenseitig etwas Böses zu unterstellen.

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