vulvakunst ist langweilig

By

In der Kunstgeschichte war der weibliche Körper über Jahrhunderte hinweg ein zentrales Motiv. Doch dies geschah meist nur aus einer bestimmten Perspektive! Nämlich aus der idealisierten, männlich geprägten Sichtweise. Das läuft auch unter dem sogenannten Male Gaze. Frauen werden so gesehen, wie Männer sie sehen wollen.

Die Vulva, der wohl symbolisch aufgelandenste Teil der weiblichen Anatomie, blieb dabei erstaunlich selten sichtbar. Gerade deshalb kann ihre Darstellung heute ein starkes Mittel sein, um stereotype Bilder aufzubrechen.

Und genau an diesem Punkt kommen wir zu dem Gemälde Nymphenboot von Hermann Clementz. Das Werk zeigt weibliche Figuren, die als Nymphen inszeniert sind. Nymphen stammen ursprünglich aus der antiken Mythologie. Sie gelten als Naturgeister, sind verbunden mit Wasser, Wäldern oder Bergen, und verkörpern Jugend, Schönheit und Fruchtbarkeit. In der antiken Vorstellung waren sie auch Teil einer natürlichen Welt, die nicht vollständig kontrollierbar oder definierbar war. Das klingt ja alles erst einmal ganz schön, oder? Eine Naturverbundenheit, Schönheit und irgendwas Unkontrollierbares. Vielleicht ist genau das, was mich an diesem Bild so magisch angezogen hat, als ich es auf diesem Flohmarkt in Nürtingen gefunden habe.

In der europäischen Kunst des 19. Jahrhunderts zeigten Künstler den weiblichen Körper oft makellos. In diesem Kontext reproduzierte auch Hermann Clementz vor allem die Schönheitsideale seiner Zeit. Seine Darstellung folgt den damals gängigen Bildtraditionen. Das bedeutet, dass der weibliche Körper ästhetisiert und als Objekt der Betrachtung inszeniert wird. Es wirkt so, als wären diese Ideale nicht bewusst hinterfragt worden, sondern vielmehr einfach nur „blind“ weitergeführt.

Gerade deshalb kann eine heutige künstlerische Überarbeitung eines solchen Bildes eine neue Bedeutungsebene eröffnen. Echt wahr, dass ich mir darüber anfangs keine Gedanken gemacht habe. Ich fand es einfach nur nice, aus etwas Altem, etwas Neues zu gestalten. Meinen bunten Senf quasi zu der ganzen Sache zu geben. Und jetzt sehe ich: Wenn ein historisches Werk wie das „Nymphenboot“ verändert wird, entsteht ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ich stelle eine Brücke her. Die Ergänzung der Vulva verschiebt den Fokus von der idealisierten Oberfläche hin zu einem körperlicheren Verständnis von Weiblichkeit.

Die Vulva ist kulturell oft mit Scham oder einem Tabu verbunden. Bei der Darstellung einer Vulva geht es weniger um Provokation als um Bewusstwerdung. Vielmehr kann sie ein Mittel sein, um bestimmte Fragen zu stellen! Fragen wie zum Beispiel: Wer entscheidet, wie weibliche Körper dargestellt werden? Welche Teile des Körpers gelten als „ästhetisch“ und welche werden verborgen? Warum ist das so? Und für was kann die Vulva stehen?

Aus kunsttherapeutischer Sicht kann sie als genau solches betrachtet werden. Als Möglichkeit, sich mit Körperbildern, Identität und gesellschaftlichen Normen auseinanderzusetzen. Besonders der Körper und die Art, wie er dargestellt wird, spielt eine wichtige Rolle in der Entwicklung von Selbstwahrnehmung. Das Bild einer Vulva wird so zu einem Raum, in dem kulturelle Bilder des Körpers überprüft werden können. Indem eine Vulva gemalt wird, entsteht ein Moment des Innehaltens. Dieser Prozess kann dazu beitragen, internalisierte Schönheitsideale oder gesellschaftliche Erwartungen zu reflektieren.

Eine Vulva zu malen ist daher in meinen Augen keineswegs langweilig. Ganz im Gegenteil, Leute! Sie kann ein Anreiz sein, über unsere eigenen Sichtweisen nachzudenken. Über das, was wir gelernt haben, wie wir den weiblichen Körper und unseren Blick auf ihn definieren. Über die Art und Weise, wie Kunst gesellschaftliche Vorstellungen reproduziert oder eben infrage stellt, und genau so auch hilft, patriarchale Strukturen in den Schwitzkasten zu nehmen. Die Vulva wird so nicht nur zu einem anatomischen Detail, sondern zu einem Symbol für Selbstbestimmung, Sichtbarkeit und einer scharfsinnigeren Betrachtung der Welt. Und das lieb ich ja.

Posted In ,

Hinterlasse einen Kommentar