Zum zweiten Mal. Gekündigt. Ich weiß gar nicht so Recht, wie ich mich dieses Mal fühlen soll. Mein Selbstwert ist angekratzt, ich fühle mich lost und verunsichert.
Zwei Kündigungen innerhalb von zwölf Monaten sind berufliche Höhepunkte. Ich schreibe das mit einem Augenzwinkern, weil alles immer eine Frage der Perspektive ist, nicht wahr? Und dennoch sind sie ganz klar und wahr ein Einschnitt in mein Selbstbild. Beim ersten Mal waren es glücklicherweise „nur“ wirtschaftliche Gründe. Beim zweiten Mal verschob sich die Perspektive drastisch, weg von den äußeren Umständen, hin zu meiner eigenen Person. Kurz gesagt: Es lag wohl an mir. Ich stelle mir vor, dass ich besser damit umgehen könnte, würde man mir klar sagen: „Hey, bei uns passt es persönlich einfach nicht.“ Denn das wäre etwas, das ich nicht verändern könnte. Es wäre etwas rein Subjektives, dem ich nur mit Respekt und Akzeptanz begegnen könnte, auch wenn ich es nicht geil finden würde. Wie wenn dir jemand sagt, dass er lieber Spätzle, statt Pommes isst. Hey, okay. Das ist vollkommen legit. Mir stattdessen zu sagen, dass die Art, wie ich mein Instrument halte, nicht richtig ist und ich keinen gescheiten Ton herausbekäme, ohne mir zu sagen, was ich in ihren Augen für das Orchester besser machen könnte und mich radikal zu entfernen, nagt an mir und meinem Selbstwert. Wie ein Pickel, den man ausdrückt. Ich rede mir ein, dass ein falsches Umfeld, unklare Erwartungen und eine unglückliche Kommunikation meines:r Dirigent:in Teil davon war, einfach nur um nicht im Unmut zu versinken.
In einer Gesellschaft, in der Leistung nicht nur gefordert wird und Arbeit längst mehr als nur das Geld auf meinem Konto ist, fühle ich mich so, als wäre Leistung und Geld ein zentraler Bestandteil meiner eigenen Identität. Weil ich es so von klein auf gelernt habe. Wer hier scheitert oder zurückgewiesen wird, stellt seine Fähigkeiten und sich selbst infrage. Und ich tue das offensichtlich. Heimlich und leise zweifle ich an mir.
Das ist also das Ende: eine Kündigung. Ein endgültiges Urteil. Fremdbestimmt ohne eingeweiht worden zu sein. Und das Gefühl, nicht gesehen oder nicht gewürdigt worden zu sein. Dieses Gefühl ist abscheulich. Wie bei einer Trennung, bei der du auf der Seite des Verlassenen stehst und kein Mitspracherecht hattest. Eine Seite entschied für sich allein. Und hier stehe ich und denke mir: „Dieses Gefühl kann auf so vieles übertragen werden. Auf Rassismus. Auf Diskriminierung. Das machen auch andere Menschen für einen. Geben einem ein klobiges Gefühl mit, ohne dass man selbst mitentscheiden könnte, ob man es will oder nicht. Wahrscheinlich ein ähnliches Gefühl, nur ein ganz anderes Fass.“
Und irgendeine lachende Stimme in meinem Kopf sagt mir: „Was, wenn das alles ein Zeichen des Universums ist? Ein Hinweis darauf, dass du einfach nicht mehr arbeiten sollst?“ Der Gedanke amüsiert mich für einen Moment und ich grinse. Doch die Geldfrage bleibt. Das Geld fließt weiter. Das Leben fließt weiter. Zwischen Selbstzweifel und dem Geldfluss entsteht ein Spannungsdreieck mit einer noch größeren Frage in mir: „Was will ich eigentlich im oder vom Leben?“
Und irgendwo dort liegt ein Ansatzpunkt für mich. Nicht jede Kündigung ist ein Ende. Sie ist kein Beweis für mangelnde Fähigkeit. Manchmal ist sie auch Ausdruck eines Systems, das nicht für jede Persönlichkeit den richtigen Platz bereithält. Und manchmal bedeutet „nicht zu passen“ nicht, dass man grundsätzlich nicht gut genug ist, sondern nur, dass man woanders womöglich besser aufgehoben wäre. Die Frage ist für mich nur noch, wo genau das ist.
Vielleicht genau hier, in der Kunst. Sie fragt mich nicht nach Leistung. Nicht nach Effizienz oder Verwertbarkeit. Sie ist ein Raum ohne Urteil. Ein Raum, in dem Zweifel nicht sofort gelöst werden müssen, sondern überhaupt erst da sein dürfen. In der Kunst darf etwas unfertig sein, widersprüchlich, suchend. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sie die Menschen in solchen Momenten auffängt. Kunst wirkt dabei fast wie eine subtile Form von Selbstbegegnung. Gedanken, die im Kopf kreisen, bekommen eine Form und allein dadurch verlieren sie oft etwas von ihrer Schwere. Genau wie diese Kündigung.
Ja, Kunst hat etwas Entlastendes. Nicht, weil plötzlich alles klar wird, sondern weil man sich selbst wieder spürt, jenseits von Leistung und Bewertung. Kunst muss nicht „gut“ sein. Ich muss nicht „gut“ sein, um gut zu sein.

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