Wir leben in einer Zeit, in der Effizienz, Leistung und ständige Erreichbarkeit als selbstverständlich gelten. Der Kalender ist voll, die To-do-Listen werden länger und der Druck, produktiv zu sein, begleitet mich gefühlt von morgens bis abends durch den Alltag.
In diesem Kontext wirkt Selbstfürsorge oft wie ein Luxus. Wie ein Privileg. Besonders was kreative Selbstfürsorge angeht. Also Zeit zum Malen, Schreiben, Musizieren oder Gestalten. All das wird schnell als etwas betrachtet, das man sich vielleicht irgendwann gönnt, wenn alles andere erledigt ist. Doch genau hier liegt in meinen Augen ein grundlegendes Missverständnis! Kreativität ist kein überflüssiger Zeitvertreib. Sie ist ein wichtiger Bestandteil menschlicher Gesundheit und emotionaler Balance. Und ob du es glaubst oder nicht, Kreativität gehört auch in dein Vokabular.
Früher da war es anders. Als Kind war das noch ganz selbstverständlich. Wer Kinder beobachtet, merkt schnell, dass Kreativität nichts ist, das wir erst lernen müssen. Sie ist von Anfang an da. Kinder malen, bauen und erfinden fantasievolle Spiele oder Geschichten. Das machen sie nicht, weil sie produktiv sein wollen, sondern weil es ein natürlicher Ausdruck ihrer inneren Welt ist.
Leider verschiebt sich mit zunehmendem Alter dieser Fokus. Schule, Arbeit und gesellschaftliche Erwartungen lenken unsere Aufmerksamkeit stärker auf Leistung und Funktionalität. Kreativität wird dabei oft zur Nebensache. Viele Erwachsene glauben sogar irgendwann, sie seien nicht (mehr) kreativ oder können zum Beispiel nicht malen. Dabei ist Kreativität keine Frage von Talent oder künstlerischem Können. Sie ist etwas viel Essentielleres, nämlich eine Form der Verarbeitung von Gefühlen, des Ausdrucks von Themen, die uns beschäftigen, und der Selbstwahrnehmung.
Die positive Wirkung kreativer Prozesse wird insbesondere in der Kunsttherapie genutzt. Dort dienen kreative Methoden als Möglichkeit, Gefühle sichtbar zu machen, die sich schwer in Worte fassen lassen. Beim Malen, Schreiben oder Formen arbeiten verschiedene Bereiche unseres Gehirns zusammen. Das bedeutet, dass emotionale, motorische und kognitive Prozesse ineinandergreifen. Dadurch entsteht häufig ein Zustand intensiver Konzentration, dem sogenannten Flow. In solchen Momenten treten unsere äußeren Sorgen in den Hintergrund, und unser Fokus liegt auf dem Tun selbst. Das ist auch der Grund, warum kreative Tätigkeiten als beruhigend und gleichzeitig stärkend erlebt werden. Hinzu kommt das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Etwas, unabhängig vom Ergebnis, zu erschaffen, vermittelt uns das Gefühl, etwas gestalten zu können. Gerade in Zeiten, in denen vieles unkontrollierbar erscheint, kann dieser Prozess stabilisierend auf unser Gemüt wirken.
Viele Menschen geben regelmäßig Geld für Dinge aus, die nur kurzfristige Freude bereiten. Streaming-Abonnements, schnelle Unterhaltung oder spontane (Online)Käufe sind für viele selbstverständlich geworden. Wenn es jedoch um Kunst geht, entsteht häufig plötzlich ein Gefühl von „Oh mein Gott, das ist zu teuer“. Dabei kann gerade Kunst einen viel nachhaltigeren Wert haben. Ein kreativer Workshop, Zeit mit einem Skizzenbuch oder das bewusste Erleben von Kunst kann lange nachwirken. Es schafft Erinnerungen, inspiriert und stärkt die Verbindung zu dir selbst.
Also: Kreative Selbstfürsorge bedeutet letztlich, sich selbst Raum zu geben. Raum für Ausdruck, für Gedanken, für Emotionen. Sie ist kein Rückzug aus der Realität, sondern eine Möglichkeit, bewusster mit ihr umzugehen. Es muss dabei nichts Großes sein. Kreative Selbstfürsorge kann viele Formen annehmen wie beispielsweise ein paar Minuten Skizzieren am Abend, Schreiben in ein Notizbuch, Fotografieren oder Musik machen. Der Wert liegt im Prozess.
Vielleicht ist es an der Zeit, unseren Blick auf Kreativität zu verändern. Sie ist kein Luxus, den man sich gelegentlich gönnt. Und sie ist mehr als Wellness. Sie ist ein grundlegender Bestandteil eines erfüllten Lebens. So wie Bewegung dem Körper guttut, nährt Kreativität unseren Geist. Und vielleicht sollten wir uns öfter daran erinnern, dass das, was uns innerlich lebendig hält, nicht optional ist, sondern notwendig. Denn viel teurer ist es doch mit seiner mentalen Gesundheit zu zahlen.

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