Diaspora. Klingt erstmal wie eine Atemwegsinfektion, oder? Dabei steckt was ganz anderes dahinter. Es geht um ein Gefühl. Vielleicht sogar wirklich um ein Gefühl, das einem den Atem raubt. Denn es geht um einen Zustand im Dazwischen. Ein Leben zwischen Erinnerungen, Sprachen, Erwartungen und Identitäten. Diaspora kommt aus dem Altgriechischen und steht für „Zerstreuung“. Es bedeutet so viel wie, gleichzeitig mehrere Wirklichkeiten in sich zu tragen, insbesondere wenn man mehreren Kulturen angehört, oder wenn Vorfahren von dem einen in ein anderes Land ausgewandert sind. Menschen der Diaspora bewegen sich häufig zwischen unterschiedlichen kulturellen Begebenheiten. Der Zustand bedeutet nicht nur Verlust von Heimat. Er kann auch bedeuten, mehrere Heimaten gleichzeitig in sich zu tragen. Denn beides ist Teil dieser Person. Beides gehört auf seine Art und Weise zu ihr. Zugleich darf gesehen werden, dass dieses Gefühl selten einfach ist. Es verlangt jeden Tag emotionale Arbeit, ständige Aushandlungen im Alltag und an manchen Stellen vielleicht sogar Einsamkeit. Oft entsteht daraus ein Gefühl, das schwer zu benennen ist. Es ist die leise Zerrissenheit, zwischen zwei Kulturen zu stehen. Diaspora eben.
Wie so vieles auf dieser Welt ist auch das hier eher unsichtbar. Von außen betrachtet scheint vielleicht vieles gelungen wie zum Beispiel eine gewisse Anpassung, eine charmante Mehrsprachigkeit und auf jeden Fall eine große kulturelle Offenheit. Doch innerlich kann in dieser Person ein ständiger Zwiespalt bestehen. Zuhause gelten andere Werte als draußen vor der Haustür. Die eine Sprache klingt nach Familie und Herkunft, die andere nach Alltag und gesellschaftlicher Teilhabe. Oft entsteht das Gefühl, sich ständig übersetzen zu müssen, und zwar nicht nur sprachlich, sondern auch emotional. Die Zerrissenheit zeigt sich manchmal in kleinen Momenten. In der Unsicherheit darüber, welche Sprache sich wirklich nach Zuhause anfühlt. In dem Gefühl, „zu fremd“ für die eine und „nicht fremd genug“ für die andere Kultur zu sein. Oder in der ständigen Frage nach Identität: „Wer bin ich eigentlich zwischen all diesen Einflüssen?“ Und unterschwellig, im Verborgenen, begleitet sie womöglich noch weitere Fragen: „Wohin gehöre ich? Gehöre ich überhaupt irgendwo vollständig dazu?“
Vielleicht kennst du ja das Gefühl? Irgendwie immer mit dabei und doch macht dich irgendwas anders. Die Menschen nehmen oft nur das Andere in dir wahr, statt zu sehen, was euch verbinden könnte. Dann gibt es die Momente, in denen du dich anpasst. Du wechselst beinahe unscheinbar zwischen Identitäten hin und her und versuchst Erwartungen gerecht zu werden. Und dabei wird etwas ganz Essenzielles strapaziert. Das Gefühl eines stabilen Selbst.
Viele sprechen nicht darüber, weil sie gelernt haben, dankbar zu sein, stark zu wirken oder sich anzupassen. Gleichzeitig fehlt gesellschaftlich häufig der Raum, um über die psychische und emotionale Dimension von Diaspora zu sprechen. Dabei betrifft sie Millionen Menschen weltweit. Umso wichtiger ist es, Räume zu schaffen, in denen diese Erfahrungen sichtbar werden dürfen. Und ich denke, hier kann Kunst ein überaus schöner Ansatz sein. Nicht nur für Ausdruck, sondern auch für Austausch. Von solcher Kunst können andere lernen, sich einzufühlen. Sie kann sichtbar machen, was oft unsichtbar bleibt, und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass diese Erfahrungen existieren. Und das ist der erste, wichtige Schritt hinzu mehr Verständnis und Akzeptanz.
Gerade weil diese Erfahrungen oft schwer in Worte zu fassen sind, kann Kunst hier eine besondere Rolle spielen. Das Starke an Kunst ist, sie schafft Räume, in denen Ambivalenz existieren darf. Sie verlangt keine eindeutigen Antworten und so kann ein Bild oder ein Gedicht Gefühle ausdrücken, die im Alltag keinen Platz finden. Die Kunst der Kunst ist es dabei, dass sie Widersprüche mit uns aushält. Und ich find das ziemlich fein von ihr.
Für Menschen mit Diaspora-Erfahrung kann der kreative Ausdruck zu einer Form der Selbstverortung werden. Wie sie das macht? Na, die Kunst kann geschickt Fragmente verbinden und genau so vereint sie faszinierenderweise Gefühle wie Sehnsucht, Verlust, Entwurzlung, aber auch Widerstandskraft und Vielschichtigkeit. Durch Schreiben, Malerei, Tanz oder Musik können auf diese Weise Erinnerungen bewahrt und ein Bewusstsein für die eigene Identität, das eigene Ich, geschaffen werden. Das kann wiederum das Gefühl von sicherem Halt wecken. Sehr sicher scheint genau darin eine besondere Kraft der Kunst zu liegen. I guess, sie will nichts anderes, außer dass es uns gut geht.
So gesehen kann das Ganze kunsttherapeutisch sein. Kunsttherapie arbeitet nämlich nicht nur mit dem fertigen Werk, sondern mit dem Prozess selbst. Farben, Formen, Bewegungen und Symbole können innere Zustände sichtbar machen. Gerade Menschen, die zwischen Kulturen leben, erleben oft, dass ihre Erfahrungen schwer erklärbar sind. Kunst kann hier eine Brücke sein zwischen Innenwelt und Außenwelt, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, und vor allem zwischen verschiedenen kulturellen Identitäten. Kunst hilft, diese inneren Spannungen auszudrücken, die sprachlich kaum zugänglich sind. So können Gefühle von Fremdheit, Trauer oder Isolation eine Form erhalten und endlich aus den Menschen heraus. Und dabei dürfen diese Gefühle ganz frei existieren, ohne bewertet zu werden. Somit entsteht im kreativen Prozess häufig etwas, das vielen Menschen im Alltag fehlt. Und das ist? Ein sicherer Raum für und vor allem Ausdruck von ihren Emotionen.
And who knows? Vielleicht liegt darin eine der wichtigsten Fähigkeiten von Kunst. Sie verbindet dich mit dir selbst, ohne irgendwelchen Unterschiede auszulöschen. Sie schafft Begegnung, wo Worte manchmal versagen. Sie zeigt, dass Zerrissenheit nicht immer Schwäche bedeutet, sondern auch Dasein eines komplexen, vielschichtigen Lebens sein kann.
Und um hier erstmal einen Punkt zu setzen: Diaspora ist kein Entweder-Oder. Sie ist kein eins gegen eins. Sie ist ein zwischen zwei Welten. Vielleicht geht es daher nicht darum, sich für eine Welt zu entscheiden. Vielleicht geht es darum, zu lernen, dass man aus mehreren Welten gleichzeitig bestehen kann. Und es wird Zeit aufzuhören, dass Menschen ihre innere Zerrissenheit verstecken. Es wird Zeit, sich zu zeigen.

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