Kunst wird oft bewundert, aber ihr Wert wird gleichzeitig unterschätzt, denn „Malen ist doch nur ein Hobby“. Dieser Satz übersieht jedoch, was wirklich hinter einem Kunstwerk steckt.
Ein Bild entsteht nicht einfach in ein paar Minuten. Hinter jedem Werk stehen Stunden, Tage, Wochen, Monate und sogar Jahre. Ein Zeitraum von Übung, Lernen und Erfahrung. Künstlerinnen und Künstler investieren unzählige Stunden darin, Techniken zu entwickeln, Materialien kennenzulernen und ihren eigenen Stil zu finden. Wie ein:e Lehrer:in, die:der sich irgendwann Lehrer:in nennt. Wie ein:e Content Creator:in, die:der sich irgendwann Content Creator:in nennt. Wie ein:e Mathematiker:in, die:der sich irgendwann Mathematiker:in nennt. Was für einen Beruf übst du aus?
Du siehst: Ein fertiges Werk ist nicht nur einfach Farbe auf Leinwand. Es ist Zeit. Und es ist eine Form von geistigem Eigentum, das seinen Ausdruck findet. Bei Künstler:innen bedeutet der kreative (Arbeits)Prozess Beobachtung, Nachdenken, Skizzieren, Verwerfen und neu anfangen. Ideen entstehen nicht zufällig. Sie entwickeln sich aus dem Leben und der intensiven Auseinandersetzung mit der Welt. Genau diese kreative Leistung macht Kunst wertvoll.
Hinzu kommen ganz praktische Faktoren. Materialien wie Farben, Leinwände, Pinsel, Grundierungen oder Firnisse kosten Geld. Auch das eigene besondere Atelier oder Werkzeuge sind Teil der künstlerischen Arbeit. Wenn man all diese Aspekte berücksichtigt, wird schnell klar, dass ein Kunstwerk nicht für 10 Euro verkauft werden kann und oft auch nicht für 100 Euro, besonders wenn es größer ist oder viele Arbeitsstunden beinhaltet.
Gleichzeitig bedeutet die Forderung nach Wertschätzung von Kunst nicht, jeden Preis des internationalen Kunstmarktes unkritisch zu feiern. Denn wenn Kunstwerke für Millionenbeträge gehandelt werden, driftet Kunst plötzlich zu einem Spekulationsobjekt ab. Hochpreisige Kunstwerke gelten für manche Sammler:innen als Wertanlage, ähnlich wie Immobilien oder Luxusgüter. In bestimmten Ländern oder unter bestimmten rechtlichen Konstruktionen können Kunstkäufe steuerliche Vorteile bringen. Dadurch entsteht Kritik daran, dass Kunst stärker als finanzielles Instrument behandelt wird. Kunst, die in sogenannten „Freeports“ gelagert wird, wird zu einem Schattenmuseum. Kunst im Verborgenen, weil sie niemand zu Gesicht bekommt. Zusätzlich macht die Anonymität der Eigentümer:innenstrukturen Freeports attraktiv für illegale Finanzströme, Schattengeschäfte und die Verschleierung von Raubkunst
Diese Entwicklung darf jedoch nicht davon ablenken, dass die meisten lebenden Künstler:innen weit entfernt von solchen Millionenbeträgen arbeiten. Viele kämpfen trotz jahrelanger Ausbildung und intensiver Arbeit um finanzielle Stabilität und gesellschaftliche Anerkennung. Häufig werden Künstler:innen erst dann als „wirklich bedeutend“ angesehen, wenn Galerien, Institutionen oder der Markt ihre Werke validieren. Und selbst dann verlangen Galerien hohe Provisionen von den Künstler:innen oder Ausstellungen werden oft schlecht oder gar nicht vergütet. Dabei sollte der Wert von Kunst nicht erst durch hohe Preise oder Berühmtheit entstehen, sondern auch durch die Wirkung, die ein Werk auf Menschen haben kann.
Wie Kunst unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen wertvoll sein kann, zeigt die sogenannte „Outsider Art“. Darunter versteht man Kunst von Menschen, die außerhalb des klassischen Kunstbetriebs arbeiten, häufig ohne akademische Ausbildung oder ohne Zugang zu Galerien und etablierten Kunstkreisen. Viele dieser Werke entstehen aus einem inneren Ausdruck heraus und nicht mit dem Ziel, dem Kunstmarkt zu entsprechen.
Gerade in der Kunsttherapie spielt dieser Gedanke eine bedeutende Rolle. Hier geht es nicht darum, „perfekte“ Kunst zu schaffen, sondern Gefühle, Erfahrungen und Gedanken sichtbar zu machen. Kunst wird dabei zu einer Form von Kommunikation und Selbstfindung.
Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Sammlung Prinzhorn. Sie zeigt Werke von psychiatrischen Patient:innen aus dem frühen 20. Jahrhundert und gilt heute weltweit als bedeutende Sammlung für Outsider Art. Speziell die Diskussion um Outsider Art zeigt auch, wie wichtig ein respektvoller Umgang mit den Biografien der Künstler:innen ist, ohne sie auf ihre psychischen Erkrankungen zu reduzieren. Die Ausstellung macht gleichzeitig deutlich, dass Kunst nicht nur nach Technik oder Marktwert beurteilt werden kann. Oft liegt ihre wahre Stärke in ihrer Ehrlichkeit, ihrer Ausdruckskraft und der Geschichte, die sie erzählt. Gerade deshalb verdient Kunst Wertschätzung. Und zwar unabhängig davon, ob sie aus einer renommierten Akademie stammt oder aus einem sehr persönlichen inneren Bedürfnis heraus entstanden ist.
Und das Non-plus-Ultra und High-Level-Endergebnis dabei? Wenn Kunst angemessen wertgeschätzt wird, profitieren nicht nur die Künstlerinnen und Künstler selbst. Denn Kunst eröffnet neue Perspektiven, regt zum Nachdenken an und schafft Raum für Empathie und gesellschaftliche Reflexion. Sie bereichert unsere Kultur, inspiriert unser Zusammenleben, stärkt Verbindungen und kann zum Verständnis füreinander beitragen. Und das ist doch, worauf es ankommt, oder?
Also warum nicht, lebende Künster:innen unterstützen und das appreciaten, was sie machen, vielleicht sogar mit einem Betrag, von dem du eigentlich denkst: „Hey, das ist doch zu teuer.“ Denn vielleicht ist es das gar nicht.

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