Zwischen 2 welten

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Aus aktuellem Anlass der WM 2026 und dem Witz, dass Brasilien von Curaçao abgelöst wurde. Am 08. Juli 2014 gab es das wohl bekannteste Ergebnis zwischen Deutschland und Brasilien. Das berüchtigte Finale mit dem Endstand 7:1.

Kleiner Sidefact: Wusstest du, dass in Brasilien die Aussage „7:1“ (sete a um) in Brasilien zu einer Redewendung geworden ist? Alternativ sagt man auch „Tor für Deutschland“ (Gol da Alemanha). Es ist ein Ausruf für eine absolute Katastrophe und steht als Metapher für eine völlig unerwartete Enttäuschung und wird auch scherzhaft verwendet, wenn im Alltag plötzlich etwas komplett schiefgeht.

Was das Ganze mit mir zu tun hat? Meistens wenn ich sage, dass ich Deutsch-Brasilianerin bin, ist das erste woran die Menschen denken, dieses Fußballspiel. Und ich lache einerseits natürlich mit und andererseits stellt es mich immer wieder vor dieselbe Frage: Wohin gehöre ich eigentlich? Brasilianer:innen sehen die Deutsche, Deutsche sehen die Brasilianerin in mir. Und ich? Ich stehe da und denke mir: „Ich bin weder die 7, noch bin ich die 1. Ich bin beides. Ich habe an diesem Tag verloren und gewonnen zugleich. Ich? Bin das Gesamtergebnis.“

Und das bringt mich auf meiner Reise irgendwie zu dem Begriff der Diaspora. Klingt erstmal wie eine Atemwegsinfektion, oder? Dabei steckt was ganz anderes dahinter. Diaspora kommt aus dem Altgriechischen und steht für „Zerstreuung“. Diaspora ist natürlich nicht automatisch dasselbe wie Binationalität. Dennoch gibt es Überschneidungen in den Fragen nach Zugehörigkeit, Identität und kultureller Verbundenheit. In der Diaspora geht es um Momente, in denen man sich in einer Gemeinschaft mit seinen heimatlichen Wurzeln verbindet. Das heißt: Wenn ich ein brasilianisches Cocktail-Event für Menschen plane, dann bin ich Teil der brasilianischen Diaspora in Deutschland. Ich schaffe einen aktiven Moment mich mit meiner Kultur zu verbinden und versuche gleichzeitig sogar on top noch andere zu inkludieren. Normalerweise ist Diaspora nur darauf bezogen, dass man die Gemeinschaft unter Gleichgesinnten, mit derselben Kultur, sucht. Doch das ist wahrscheinlich auch der Twist bei mir. Denn ich bin brasilianisch und deutsch. Ich bin ein Third Culture Kid, skraa. Soll heißen, dass ich mich zumindest in ein paar Teilen, was man unter einem Third Culture Kid versteht, wiedererkenne.

Das ist das, was eine binationale Herkunft mit sich bringt. Third Culture Kids sind Menschen, die einen bedeutenden Teil ihrer Kindheit oder Jugend außerhalb der Heimatkultur ihrer Elternteile verbracht haben. Ich bin zwar in Deutschland geboren und aufgewachsen, habe durch meine Mutter aber viele brasilianische Einflüsse erhalten und von Außen ist offenbar das erste, was man mir ansieht. Ich habe noch andere Wurzeln. Durch das ständige Leben und Springen zwischen Kulturen entwickeln Third Culture Kids eine ganz eigene, eine dritte Kultur. Sie übernehmen Elemente aus beiden Kulturen, die sie beeinflussen. Dadurch entsteht ein einzigartiger Lebensstil, der aber auch von verschiedenen Herausforderungen geprägt ist. Sie passen sich kulturell oft nahtlos an, fühlen sich aber oft keiner Kultur vollständig zugehörig und haben gleichzeitig ein breites Verständnis für andere Kulturen. Ich denke es wird klar, dass die eigene Identität auf irgendeine Weise komplex ist.

Das wohl krasseste ist dieser Zustand im Dazwischen. Ein Leben zwischen Erinnerungen, Sprachen, Erwartungen und Identitäten. Gleichzeitig mehrere Wirklichkeiten in sich zu tragen, insbesondere wenn man nicht nur einer Kulturen angehört, oder wenn Vorfahren von dem einen in ein anderes Land ausgewandert sind. Wir bewegen uns auf einem Feld zwischen unterschiedlichen kulturellen Begebenheiten. Und ich sage dir, Brasilien und Deutschland könnten an so vielen Stellen unterschiedlicher nicht sein. Aber der Zustand an sich bedeutet nicht (nur) Verlust von Heimat. Er kann auch bedeuten, mehrere Heimaten gleichzeitig in sich zu tragen. Denn beides ist Teil von mir. Beides gehört auf seine Art und Weise zu mir. Zugleich darf gesehen werden, dass dieses Gefühl selten einfach ist. Es verlangt emotionale Arbeit, ständige Aushandlungen im Alltag und an manchen Stellen vielleicht sogar Einsamkeit. Oft entsteht daraus ein Gefühl, das schwer zu benennen ist. Es ist die leise Zerrissenheit, zwischen zwei Kulturen zu stehen.

Wie so vieles auf dieser Welt ist auch das hier eher unsichtbar. Von außen betrachtet scheint vielleicht vieles gelungen und ungezwungen wie zum Beispiel eine gewisse Anpassung, eine charmante Mehrsprachigkeit und auf jeden Fall eine große kulturelle Offenheit. Doch innerlich kann ein ständiger Zwiespalt bestehen. Zuhause gelten andere Werte als draußen vor der Haustür. Die eine Sprache klingt nach Familie und Herkunft, die andere nach Alltag und gesellschaftlicher Teilhabe. Oft entsteht das Gefühl, sich ständig übersetzen zu müssen, und zwar nicht nur sprachlich, sondern auch emotional. Die Zerrissenheit zeigt sich manchmal in kleinen Momenten. In der Unsicherheit darüber, welche Sprache sich wirklich nach Zuhause anfühlt. In dem Gefühl, „zu fremd“ für die eine und „nicht fremd genug“ für die andere Kultur zu sein. Oder in der ständigen Frage nach Identität: „Wer bin ich eigentlich zwischen all diesen Einflüssen?“ Und unterschwellig, im Verborgenen, begleitet sie womöglich noch die weitere Frage: „Gehöre ich überhaupt irgendwo vollständig dazu?“

Vielleicht kennst du ja das Gefühl? Irgendwie immer mit dabei und doch macht dich irgendwas anders. Die Menschen nehmen oft nur das Andere in dir wahr, statt zu sehen, was euch verbinden könnte. Dann gibt es die Momente, in denen du dich anpasst. Du wechselst beinahe unscheinbar zwischen Identitäten hin und her und versuchst Erwartungen gerecht zu werden. Und dabei wird etwas ganz Essenzielles strapaziert. Das Gefühl eines stabilen Selbst.

Viele sprechen nicht darüber, weil sie gelernt haben, dankbar zu sein, stark zu wirken oder sich anzupassen. Gleichzeitig fehlt gesellschaftlich häufig der Raum, um über die psychische und emotionale Dimension davon zu sprechen. Dabei betrifft sie Millionen Menschen weltweit. Umso wichtiger ist es, Räume zu schaffen, in denen diese Erfahrungen sichtbar werden dürfen. Und ich denke, hier kann Kunst ein überaus schöner Ansatz sein. Nicht nur für Ausdruck, sondern auch für Austausch. Von solcher Kunst können andere lernen, sich einzufühlen. Sie kann sichtbar machen, was oft unsichtbar bleibt, und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass diese Erfahrungen existieren. Und das ist der erste, wichtige Schritt hinzu mehr Verständnis und Akzeptanz.

Gerade weil diese Erfahrungen oft schwer in Worte zu fassen sind, kann Kunst hier eine besondere Rolle spielen. Das Starke an Kunst ist, sie schafft Räume, in denen Ambivalenz existieren darf. Sie verlangt keine eindeutigen Antworten und so kann ein Bild oder ein Gedicht Gefühle ausdrücken, die im Alltag keinen Platz finden. Die Kunst der Kunst ist es dabei, dass sie Widersprüche mit uns aushält. Und ich find das ziemlich fein von ihr.

Für genau diese Menschen kann der kreative Ausdruck zu einer Form der Selbstverortung werden. Crazy, oder? Wie sie das macht? Na, die Kunst kann geschickt Fragmente verbinden und genau so vereint sie faszinierenderweise Gefühle wie Sehnsucht, Verlust, Entwurzlung, aber auch Widerstandskraft und Vielschichtigkeit. Durch Schreiben, Malerei, Tanz oder Musik können auf diese Weise Erinnerungen bewahrt und ein Bewusstsein für die eigene Identität, das eigene Ich, geschaffen werden. Das kann wiederum das Gefühl von sicherem Halt wecken. Sehr sicher scheint genau darin eine besondere Kraft der Kunst zu liegen. I guess, sie will nichts anderes, außer dass es uns gut geht.

So gesehen kann das Ganze kunsttherapeutisch sein. Kunsttherapie arbeitet nämlich nicht nur mit dem fertigen Werk, sondern mit dem Prozess selbst. Farben, Formen, Bewegungen und Symbole können innere Zustände sichtbar machen. Gerade Menschen, die zwischen Kulturen leben, erleben oft, dass ihre Erfahrungen schwer erklärbar sind. Kunst kann hier eine Brücke sein zwischen Innenwelt und Außenwelt, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, und vor allem zwischen verschiedenen kulturellen Identitäten. Kunst hilft, diese inneren Spannungen auszudrücken, die sprachlich kaum zugänglich sind. So können Gefühle von Fremdheit, Trauer oder Isolation eine Form erhalten und endlich aus den Menschen heraus. Und dabei dürfen diese Gefühle ganz frei existieren, ohne bewertet zu werden. Somit entsteht im kreativen Prozess häufig etwas, das vielen Menschen im Alltag fehlt. Und das ist? Ein sicherer Raum für und vor allem Ausdruck von ihren Emotionen.

And who knows? Vielleicht liegt darin eine der wichtigsten Fähigkeiten von Kunst. Sie verbindet dich mit dir selbst, ohne irgendwelchen Unterschiede auszulöschen. Sie schafft Begegnung, wo Worte manchmal versagen. Sie zeigt, dass Zerrissenheit nicht immer Schwäche bedeutet, sondern auch Dasein eines komplexen, vielschichtigen Lebens sein kann.

Und um hier erstmal einen Punkt zu setzen und den Kreis zu schließen: Die Binationalität ist kein Entweder-Oder. Sie ist kein eins gegen eins. Sie ist ein zwischen zwei Welten. Daher geht es nicht darum, sich für eine Welt zu entscheiden. Es geht darum, zu lernen, dass Menschen aus mehreren Welten gleichzeitig bestehen können. Und es wird Zeit aufzuhören, dass Menschen ihre innere Zerrissenheit verstecken und darauf reduziert werden. Es wird Zeit, sich zu zeigen und diese Menschen in ihrer Fülle zu sehen.

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