Farben sind mehr als Pigmente auf Stoff oder Leinwand und auch weitaus mehr als eine Frage des Geschmacks. Sie sind Ausdruck dessen, was uns bewegt. Sie sind Sprache, Emotion, Erinnerung und Identität. Kein Wunder also, dass wir auf Farben reagieren, bevor wir ihre Wirkung bewusst wahrnehmen. Sie können beruhigen oder beleben, Distanz schaffen oder Nähe erzeugen, Selbstbewusstsein ausstrahlen oder Verletzlichkeit sichtbar machen. Ob in der Mode oder in der Kunst, Farben besitzen die besondere Fähigkeit, das Unsichtbare sichtbar zu machen.
Dabei ist Farbe auf jeden Fall ein Ausdruck unserer Persönlichkeit und jeder Mensch trägt Farben auf seine eigene Weise, mal voller Stolz oder mit großer Zurückhaltung. Manche fühlen sich in tiefen, satten Tönen zuhause, andere blühen in leuchtenden Nuancen auf. Oft wählen wir Farben intuitiv für uns aus und doch erzählen sie etwas über unsere Stimmung, unser Selbst oder den Wunsch, wie wir von der Welt wahrgenommen werden (möchten).
In der Mode begegnen wir diesem Phänomen besonders deutlich. Hier ist unsere Kleidung nicht nur ein Schutz oder irgendeine belanglose Dekoration unseres Körpers. Nein, die Auswahl der Farben entscheidet darüber, ob wir kraftvoll, sanft, elegant oder verspielt wirken. Sie beeinflusst, wie andere uns wahrnehmen, aber auch, wie wir uns selbst fühlen. Sie verändert nicht den Menschen, sondern macht ihn sichtbar. Meine gute Freundin und Fashion Designerin Carolina Zillig würde es so sagen: „Die richtige Farbe bringt deine natürliche Schönheit zum Strahlen.“
In der Mode spricht man von warmen oder kalten Farbtypen. Dabei geht es nicht darum, welche Farbe „schöner“ ist. Das gibt es gar nicht. Es beinhaltet eher den Einklang zwischen Mensch und Farbe. Carolina Zillig macht in ihrer Farbberatung deutlich, dass jeder Mensch einen natürlichen Farbtyp besitzt. Je nach Hautunterton, Augen- und Haarfarbe harmonieren bestimmte Farbfamilien besonders gut mit deinem individuellen Erscheinungsbild. Die Farbe, die zu dir passt, soll also nicht von dir ablenken, sondern deine unverfälschte Ausstrahlung unterstreichen. Deine Haut erscheint dann frischer, deine Augen leuchten intensiver und dein wunderschönes Gesicht wirkt lebendiger. Nice, oder?
Zu warmen Typen passen häufig Gold-, Terrakotta-, Oliv-, Korallen- oder warme Beigetöne. Kalte Typen entfalten ihr Erscheinungsbild hingegen eher in Blau-, Smaragd-, Beerentönen, kühlem Grau oder einem reinen Weiß. Wusstest du’s?
Eine Farbberatung kann dir ganz neue Winkel und Sichtweisen auf dich selbst eröffnen. Denn intuitiv wählen wir meist nicht die Farben, die unserem klassischen Farbtyp entsprechen, sondern greifen eher zu jenen, die uns emotional guttun.
Und an der Stelle möchte ich es natürlich nicht missen, über Kunst zu sprechen. Denn genau hier ist die Brücke. Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Mode und Kunst sich begegnen. Die eine fragt nach Harmonie mit unserem Äußeren, die andere nach Harmonie mit unserem Inneren. Während die Mode danach fragt, welche Farben zu einem Menschen passen, möchte die Kunst mit Farben Gefühle sichtbar machen. Ein Himmel muss nicht blau sein. Ein Gesicht darf grün oder violett erscheinen. Eine Landschaft kann in Rot erglühen, obwohl sie in Wirklichkeit ganz anders aussieht. Du siehst: Farbe wird zum Träger von Emotionen. Sie erzählen nicht, wie etwas aussieht, sondern wie es sich anfühlt.
Vincent van Gogh ließ Gelb leuchten wie Hoffnung und Leben. Mark Rothko schuf monumentale Farbflächen, die Stille erzeugen. Wassily Kandinsky beschrieb Farben als Klänge der Seele. In der Kunst geht es unter anderem um die Wahrhaftigkeit von Emotionen. Farbe wird dabei zu einer eigenen Sprache und sind Ausdruck deines inneren Prozesses. Menschen greifen zu bestimmten Farben, ohne bewusst erklären zu können, warum. Die gewählte Farbpalette kann Hinweise auf aktuelle Stimmungen, Bedürfnisse oder innere Konflikte geben. Dabei gibt es jedoch keine allgemeingültigen Bedeutungen. Rot bedeutet nicht automatisch Wut und Blau nicht zwangsläufig Ruhe. Dieselbe Farbe kann Trost spenden, Erinnerungen wecken oder neue Kraft schenken, je nachdem, wer sie betrachtet. Entscheidend ist immer, was du selbst dazu sagst.
In der Kunsttherapie ist weitergehend nicht nur entscheidend, welche Farbe gewählt wird, sondern auch wie sie von dir eingesetzt wird. Malst du kraftvoll oder zaghaft, flächig oder punktuell, übereinandergelegt oder transparent? Erst das Zusammenspiel aus Farbe, Form, Bewegung und persönlicher Geschichte, wie deine Kultur, Erfahrungen oder individuellen Assoziationen, eröffnet den eigentlichen Sinn deiner Kunst.
Auf den ersten Blick scheinen Mode und Kunst vielleicht unterschiedliche Wege zu gehen. Die Mode fragt:
„Welche Farbe bringt den Menschen zum Leuchten?“ Und die Kunst fragt: „Welche Farbe bringt das Gefühl zum Leuchten?“ Doch beide verfolgen letztlich dasselbe. Sie machen nämlich etwas Unsichtbares sichtbar.
In der Mode wird die individuelle Schönheit eines Menschen hervorgehoben. In der Kunst wird die Schönheit eines Gedankens, einer Erinnerung oder eines Gefühls sichtbar gemacht. Beide arbeiten mit Kontrasten, Licht, Harmonie und Spannung. Beide erzeugen Stimmungen. Beide erzählen Geschichten, ohne Worte zu benötigen. Sie können Selbstvertrauen stärken und Begegnungen verändern. Eine Person in einem tiefen Rubinrot wirkt anders als dieselbe Person in einem kühlen Graublau. Ebenso verändert sich die Wirkung eines Gemäldes vollständig, wenn es in anderen Farbtönen gemalt wird. Farbe besitzt also nicht nur eine ästhetische Funktion und verändert insbesondere unsere Wahrnehmung. So werden sie ein Wegweiser und begleiten uns durch unser gesamtes Leben. Und manchmal zeigen sie uns sogar, wer wir sind, lange bevor wir es selbst in Worte fassen können.

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